Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-04-21 · Heft 17 (21.4.1863) · p. Seite 265

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 17 (21.4.1863)
Date
1863-04-21
Page
Seite 265 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226382--21184-3301065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

265 Worte, Jeder erzählte es nach seinem Belieben und Niemand hatte Etwas gesehen. Der Proceß ist eingeleitet worden und wird mit Eiser weitergesührt. Ich selbst habe das Kind gesehen, als man dasselbe nach dem russischen Consulate geleitete; es war weder verwundet noch verstümmelt. Smyrna, 21. März. Obschon der neueste Aufruhr gegen die Juden durch nichts begründet erscheint, glaubte dennoch der griechische Bischof im Interesse der gefänglich eingezogenen Rädelsführer bei der Provincialbehörde interveniren zu müssen. Er verlangte in kategorischer Weise deren Freilassung unter dem Vorgeben, daß das von mittelalterlichem Fanatismus erzeugte und zu allen Zeiten von geistlichen und weltlichen Zeloten geflissentlich aufgesrischtc Märchen vom Ehristenblute eine thatsächliche Wahrheit (!) sei. Die Behörde hat sich hierdurch nicht einschüchtern lassen, und da die Juden selbst auf strenge Untersuchung und eventuelle exemplarische Bestrafung der Schuldigen dringen, so ist an eine Freilassung der leitenden Aufrührer vor erfolgtem Richterspruche nicht zu denken. (Triester Ztg.) <t df> t v a g« Bern, 8. April. Mit welchem Rechte wir im Leitartikel in No. 16 die Tragweite der Israelitensrage in der Schweiz als von einer ungewöhnlichen Ausdehnung bezeichnet haben, erweist sich immer mehr. Die „K. Z." schreibt: „Der Ruf nach der Revision der Bundesverfassung ertönt nun selbst in den bundeSräthlichen Kreisen. Bekanntlich haben die Ultramontanen in dem Canton Aargau, an ihrer Spitze der Professor Schleuniger, falls der Bund zu Gunsten der aargauer Israeliten interveniren sollte, mit einer solchen Revision gedroht. Heute beantragt die Berner Zeitung, das Organ des Bundesraths Stämpfli, in einem offenbar aus der Feder dieses einflußreichen schweizerischen Staatsmannes geflossenen Artikel, den Ultramontanen das Prävenire zu spielen, indem die liberale Partei selbst die Revision der Bundesverfassung in die Hand nehmen soll. Herr Bundesrath Stämpfli verweist dabei auf den schweizerisch-französischen Handelsvertrag, für dessen Abschluß Frankreich die Gleichstellung der französischen Israeliten mit den übrigen schweizer Bürgern zur Bedingung mache; eine Gleichstellung der Israeliten mit den Christen sei aber nur auf dem Wege der Revision der Bundesverfassung möglich." — So ist also die Gleichstellung der Israeliten in der Schweiz die Parole zur Bundesrevision auf beiden Seiten. Warum es dahin kommen mußte und daß die Israeliten selbst ganz schuldlos dabei sind, ist leicht erklärlich; es mußte so kommen, wie es zum Bruche in der nordamerikanischen Union wegen der Sklavenfrage kommen mußte.*) Es ist nicht möglich, daß ein freier Staat mit großen Unfreiheiten versehen bleiben kann, daß da, wo aller Unterschied der Stände gefallen unv volle Gewissensfreiheit proclamirt ist, doch noch eine ganze Menschenmasse ausgeschlossen und eine Glaubensgenossenschaft gedrückt bleiben könne. Ein Klärungsproceß ist da unausbleiblich, je nach Umständen gewaltsamer oder friedlicher Art. Wien, 8. April. Herr Ignaz Kuranda ist von der Stadt Baden (bei Wien) auf Beschluß des Gemeinderathes dieser Stadt mit dem Ehrenbürgerrecht beehrt worden. Herr Kuranda war nämlich Referent des Schulausschusses des Niederösterreichischen Landtages und hat sich als solcher besondere Verdienste um das Schulwesen dieser Stadt erworben. (Merket euch das, ihr Feudalen in Preußen! Ein Jude nicht blos Abgeordneter zum Niederösterreichischen Landtag sKuranda ist bekanntlich auch Mitglied des Reichsrathes, und ist als solcher von seinem Kaiser wegen seiner verdienstlichen Thätigkeit in demselben persönlich belobt worden, obschon er zur liberalen Partei gehörtj, sonder auch Referent für das Schulwesen — welch' ein Entsetzen ergreift euch! Daß er sich als solcher namhaftes Verdienst erwirbt, wundert euch freilich weniger, denn das ist es ja eben, was ihr an den Juden fürchtet und dann seid ihr es ja gewohnt, daß alle diejenigen, die ihr verabscheuet, Männer von Verdienst sind. Die Rcdact.) *) Daß dies unsererseits nicht blos Schlußfolgerung post facium, kann man aus unseren, 1847 gehaltenen Vorlesungen „Die Religion der Gesellschaft" (Baumgärtner, Leipzig 1848) S. 196 ersehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.