Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-04-21 · Heft 17 (21.4.1863) · p. Seite 263

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 17 (21.4.1863)
Date
1863-04-21
Page
Seite 263 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226382--21182-3301063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

263 Glaubens willen, Bürgetfast Menschenrechte. Auf I dem Wege der Emancipation, auch der Juden, hat un- I sere Legislation in neuester Zeit in Polen, namentlich I in Bezug auf die Kaufleute, bedeutende Fortschritte ge- I macht. In England, Frankreich und Deutschland sind! die Fortschritte meist bis zur Gleichberechttgung der He-! braer gediehen und der Erfolg ist durchgehend ein gün- I stiger gewesen.! Aus den angeführten Gründen kann dieser Magistrat sein Gutachten auch nur für vollständige Emancipation, für volle Gleichberechtigung der Hebräer mit den Christen abgeben, denn dafür sprechen Religion, Gerechtigkeit, Staatsöconomie und alle Zweckmäßigkeitsgründe! Bürgermeister Bellmer. I Stadt-Secret. W. Goldmann. Kowuo, 30. März. (Privatmitth.) Leider bringe ich keine freudige Botschaft. Schon der Ort, woher mein Brief datirt ist, sollte Ihnen eigentlich allen Zweifel in dieser Hinsicht benehmen, denn es ist in Lithauen und das ist ein Land, worin sich sehr selten etwas Gutes für uns Juden zuttägt, leider aber sehr oft viel Trauriges und Bellagenswerthes. Sett vergangenem Winter haben sich in unserm Lithauen zwei Geschichten zugetragen (wir sprechen von Zipka Mendak und Schawlan), welche der Mortarischen der Grausamkeit und Fanatismus nicht nachstehen. Hier eine dritte. Ein armes kränkliches Weib ging mit ihrem 14 Monate atten Kinde auf dem Arm aus einem nahegelegenen Städtchen Janowa nach Kowno. Die Mutter wie ihr kleines Töchterchen waren Jüdin. Als sie eine Strecke Weges zurückgelegt hatte, wurde sie sehr schwach und fast kraftlos, setzte sich auf den Weg, um ein wenig auszuruhen und den Schweiß von ihrer Sttrne zu trocknen. Ihr hungriges Kind saugte an ihrer trocknen Brust. Sie konnte das Leiden ihres Kindes nicht stillen, da sie bei sich — und vielleicht auch in ihrem Hause — nichts hatte, womit sie es erquicken könnte. Sie wollte daher schnell an ein Haus gelangen, wo sie vielleicht Etwas, ihr schmachtendes Kind zu erfrischen, bekommen würde, und kaum hatte sie ein wenig geruht, so bereitete sie sich schon vor, ihren Weg weiter fortzusetzen. Aber ihre Füße waren noch schr müde und wankten schon bei den ersten Schritten. Eine Bäuerin, die gerade setzt vorüber ging, sah das Elend und die Noch der Mutter und, von Mitleiden durchdrungen, erbot sie sich ihr das Kind ein wenig tragen zu helfen. Die Mutter überließ ihr ihre theure Bürde, welche vielleicht ihr einziger Trost auf dieser traurigen Erde war. Da aber die Bäuerin viel stärker war als die schwache Jüdin, so war sie immer in voraus. Sie waren so eine halbe Stunde gegangen und die Bäuerin war schon so weit voraus, daß die Mutter sie nicht mehr zu sehen im Stande war. Da fingen ihre Füße abermals zu wanken an und sie fühlte sich gezwungen wieder ein wenig auszuruhen. Die Bäuerin setzte unterdessen ihren Weg fort. Die Mutter verfiel in einen betäubenden Schlummer, aus welchem sie, da sie ihr Kind nicht neben sich fand, mit dem Schrei „meine Esterka, meine Esterka!" (so hieß ihre Tochtererwachte. Sie erinnette sich endlich, daß sic ihr Kind der Bäuerin abgegeben und eilte mit vor Angst beflügeltem Fuße und verdoppelten Kräften auf dem Wege nach Kowno fort. Leider waren aber alle Anstrengungen umsonst und nichts entdeckte auf dem Wege ihr spähendes Auge. Sie kam nach Kowno als es schon Abend war und auch hier war all' ihr Suchen und Fragen vergebens, denn jeder beantwortete die Frage, ob man nicht eine Bäuerin mit einem jüdischen Kinde gesehen, mit einem Nein. Ber- | wirrt und betäubt lies sie auf dem Wege nach Janowa zurück, in der Hoffnung, die Bäuerin mit ihrem Kinde in irgend einem Kruge aufzufinden. Aber auch dieses war umsonst, und die arme Mutter ging so suchend bis zu ihrem Städtchen zurück, in der Hoffnung — was einer verzweifelungsvollen Mutter nicht einfallen kann! — dort ihr Kind zu finden. Was die Bäuerin unterdeß mit dem Kinde angefangen ist unbekannt, nur das wissen wir, daß eine andere Christin, eine gewisse Bajewska, dem katholischen Pastor, dem sie das Kind zum Taufen überbrachte, dasselbe auf ihrem Hof gefunden zu haben, vorgab. Obwohl nach den russischen Gesetzen ein Findelkind nur griechisch-katholisch getauft werden muß, so ließ sich der fromme Pastor doch nicht dadurch abhalten, sie nach seinem Glauben römisch-katholisch zu taufen, wobei die obengenannte Bajewska die Stelle der Tauf- > mutter vertrat. Nach der Taufe trug man das Kind in die allgemeine Versorgungskammer (prikos obschzestwennawo prisrenia), von wo es dem Findelhause übergeben werden sollte. Bis zur weiteren Verfügung blieb das Kind unterdessen bei dem Bedienten dieser I Kammer. 17**

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.