Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1863)
- Date
- 1863-04-21
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 hebräische Substantivs, Adjectiva und besonders Participia ohne-Weiteres mit den dentscheu Hülfszeitwörtern verbindet und flectirt. So wird z. B. aus er hat gegessen, acheln essen, und dieses acheln nun durchaus deutsch flectirt: ich achte, du achelst, ich habe geachelt, ich werde acheln. Diese Zeitwörter werden mit deutschen Präpositionen und Vorsetzsylben versehen, z. B. ausacheln, weghalchen, beganfen. Dann wie bemerkt: mevin sein, mazzil sein, gaufeir sein. Die Rücksichtslosigkeit gegen alle Grammatik geht sogar so weit, daß sein im Präteritum mit haben conjugirt wird, z. B.: „du hast mich meramme gewesen.*) Bon S. 389 behandelt der Vers, die Wirkung, welche die kabbalistiischeu Formen, gematria, notarikon oder ihemurah auf das Jüdischdeutsche hatten und kommt S. 400 zu syntaktischen Bemerkungen. Im Jüdischdeutschen zeigt sich eine Vorliebe für die Bildung von Diminutiven, besonders durch die angehängte Sylbe che, z. B. Mokomche, Beheimeche. So außerordentlich reich der Wortvorrath der jüdischdeutsckeu Sprache ist, so arm ist sie an Ausdrücken, welche man durchaus specifisch Jndendeutsch nennen dürfte. Ihrem Charakter gemäß hat die jüdischdeutsche Sprache auch die Neigung, aus ftemdeu lebenden Sprachen Wörter sich anzueignen, und es kommt ihr nicht darauf an, ob sie diese aus der frauzösischen oder polnischen, aus der italienischen oder russischen Sprache holt.**) Der Styl und Ton der ganz jüdischdeutschen Diction hat viel Lebendigkeit und orientalische Färbung, welche aber durch die holperige und bröcklige Form des einzelnen Ausdrucks sehr abgeschwächt und vielfach sogar in das Lächerliche und Abgeschmackte gezogen wird. Das ist besonders bei der Poesie der Fall, bei deren mangelhafter, dürrer, allen prosadischen Regeln hohnsprechender und nur auf gezwungene Rennerei hinauslaufender Form die in Freud und Leid entstandenell, oft recht tief und lebendig gefühlten Gedanken für die *) Bemerkenswerth ist hierbei die Borschiebuug der Zeitwörter im Präteritum: ich bin gegangen in das Haus. Außer dem Hochdeutschen giebt es keine Sprache, die das Verbum von dem Hülfszeitwort trennt, selbst nicht die germanischen, dänisch, schwedisch, englisch. **) Der jüdischdeutsche Dialect ist, wie es sich von selbst versteht, auch nicht überall derselbe. In Polen z. B. ist er nicht blos durch slavische Wörter und Bocalaussprache, sondern auch tief grammatikalisch verschieden von Bayern und Amsterdam. Die Hauptgreuze ist wie durch baogue ä'oe und Langue d’ouil durch Tate und Mamme gegen Ette und Memme markirt. Auffassung und Empfindung des Lesers fast ganz verloren gehen und kaum etwas anderes übrig bleibt als die Misform des verkümmerten Ausdrucks. Wer unterschriebe nicht dieses mit Beispiel vom Berf. belegte Uriheil, und nicht minder, wenn er fortfährt: Dagegen paßt das Jüdischdeutsche für die burleske Darstellung, niedrige Bolkskomik und Farce ganz vorzüglich, weil die Buntscheckigkeit der sprachlichen Form der kecken Laune des ftei umherschweifenden Gedankens ein willkommenes groteskes Gewand darbietet und ihr noch immer größere Lebendigkeit verleiht. In dieser Beziehung enthalten die meistens versificirten und gereimten Purimspiele, besonders das Ahasverusspiel, sehr viel Witz und Humor, der aber auch meistens — und das trifft das Ahasverusfpiel ganz besonders — so niedrig und schmutzig ist, daß hier keine Probe davon gegeben werden konnte. Die jüdischdeutsche Sprache besitzt einen überaus großen Reichthum an volksthümlichen Redensarten und Sprüchwörtern, in welchen Laune, Humor, Witz, Spott und Satire bis zum Uebersprudeln sich bewegen. Man hat kaum eine Vorstellung von diesem üppigen Reichthum, welcher seine Fülle schon längst sogar in die deutsche Volkssprache hat strömen lassen und dieser eine kaum geahnte Bereicherung an scheinbar deutsch-originellen Ausdrücken verliehen hat. Den übrigen Theil des dritten Bandes füllen reichhaltige Proben aus der jüdischdeutschen Literatur (S. 435 bis S. 537) und zwar in Quadratschrift, deutsch-rabbinischer Schrift und Currentschrift aus, so wie der vierte Band in einem Anhang ein jüoischdeutsches Wörterbuch (S. 319—512) bringt. Es versteht sich von selbst, daß diese ausführliche und gründliche Arbeit des Herrn Avel'Allemant de» Gegenstand noch nicht völlig erschöpft, wohl aber soweit ausführt, daß sie in Zukunft die bleibende Grundlage abgeben wird. Mau wird sich nicht wundern, daß diese verdienstliche Aufgabe, den jüdischdeutschen Dialect wissenschaftlich zu bearbeiten und culturhistorisch zu würdigen, einem Christen überlassen war, während sie zu lösen einem Juden um vieles leichter werden und bei weitem näher liegen mußte. Man wird sich nicht wundern, sagen wir, da es von Seiten der Juden überhaupt erst galt, das Jüdischdeutsche aus ihrer Mitte zu beseitigen, und sie moralisch daher dazu gedrängt waren, jenes vielmehr zu iguoriren. Wir waren dem jüdischdeutschen Dialect gegenüber noch nicht unbefangen genug, um ihn zu einem objectiven Studium zu machen. Für «ns ist deshalb das Verdienst des Herr«