Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1863)
- Date
- 1863-04-14
- Page
- Seite 242 (sequence 6)
- Language
- German
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242 schrift — sehr weitläufig (S. 240—350) Gehandelt hat, kommt er zur Formenlehre. Doch berühren wir zuerst die Ansicht unseres Verfassers über das Alter dieses Dialektes. Er knüpft hierbei an die Bemerkungen von Zunz (die gottesdienstlichen Vortrage der Juden S.439) an, und fährt fort: „So klar diese kurze Darstellung auch ist, so überrascht es — ganz abgesehen davon, daß manche in den Noten angeführte Beispiele keineswegs richtig aufgefaßt, abgeleitet und erläutert sind — doch sehr, daß Zunz bei seiner scharfen und glücklichen Bezeichnung der Elemente des Judendeutsch, im Widerspruch mit dieser Darstellung und den von ihm in seinen Noten zahlreich angegebenen Beispielen, welche, bei überall richtiger Ableitung, seine historische Ansicht geradezu widerlegen, über Las Alter des Judendeutsch so leicht hinweggeht und S. 438 die eigentliche Heranbildung desselben erst dem 16. Jahrhundert zuweist und es auch nur in dem Abbruch aller Gemeinschaft der Juden mit dem deutschen Volke im Leben und in der Wissenschaft begründet findet, während er die gerade in der Sprache so charakteristisch bezeichnete Zusammenschiebung und Vermischung der ganzen Eigenthümlichkeit und hinwiederum die Bewahrung der starren Besonderheit und Originalität jedes der beiden zusammengerathenen volksthümlichen Facroren nicht gehörig beachtet und hervorhebt. Führt Zunz z. B. aus dem Commentator des Alsasi (s. S. 201, Note 2) das Wort “TT-nn, Mörser, und ebend. •p-a'V'ai, Erbern*) (Erdbeeren), und gel (gelb), an, so sind diese durchaus althochdeutschen Wörter keine specifischen Beweise von dem „richtigen Deutsch der Juden in den srühern Jahrhunderten", sondern überhaupt nur einfache Beispiele davon, daß die Juden deutsche Wörter gebrauchten und mit hebräischen oder deutsch-rabbinischen Buchstaben richtig Wiedergaben. Dagegen finden sich in den allerältesten, weit vor das 16. Jahrhundert reichenden Urkunden der Gaunersprache die farbigsten jüdischdeutschen Wörter und noch dazu oft so durchaus germanisirt, daß man daraus auf einen schon sehr alten Uebergang in den Dolksmund und auf einen schon sehr langen Bestand darin schließen muß, wie z. B. im Bocabular des züricher Bürgermeisters Gerold Edlibach vom Jahre 1488 divret, gefächen, von wittich, tor oder nar, von -iwx, verschließen, an Hand *> Vgl. Th. I, S. 46, Note 3, Ulrich von Reichenthal über das Kostnitzer Concil: „Das man inn dem Aychorn guten erbern weyn schenkt" u. s. w. und Zunge gelähmt, linkisch sein (vgl. Th. l, S. 12); büß, hus, von n-a, Haus; alcha, gan, von gehen; joch hem, win, von Wein, u. s. w. Selbst unter den elf Vocabeln des noch 100 Jahre ältern Notatenbuchs von Dithmar von Meckebach *) finden sich entschieden jüdisch-deutsche Ausdrücke, wie Ebener, lusores, nicht (wie Hoffmann von Fallersleben erklärt) von falschen Würfeln, Paschwerfen oder „eben werfen", sondern von , eben, erven» Stein, weil alle Wurf- und Würfelspiele ursprünglich mit Steinen oder steinernen Würfeln gespielt wurden, während die knöchernen Würfel sehr viel später verkommen; Schenenwerser, reseratores serarnm eum uncis, nicht (wie Hoffmann erläutert) von Schene, Schiene, schienenartige Befestigung, sondern von •jej, sehen, Zahn, weil die Schlösser mit den nneis (Echeder) wie mit einem Zahnbrecherinstrument aufgebrochen werden; Nuss er, kures denariorum ex peris, nicht (wie Hoffmann sagt) vom ahd. nuscari, Spangenmacher (?), sondern wol vom chald. ir;:, abfallen, von Laub oder Früchten, abschütteln, abstreifen, also den Ranzen, den Geldgürtel leicht machen, plündern u. s. w. Ein sehr bedeutsames Zeugniß für das hohe Alter des Judendeutsch giebt schon I. Buptorf, welcher zuerst die Aufmerksamkeit auf dasselbe lenkte in seinem „Thesaurus grammaticus linguae sanctae hebraicae", S. 639, 640 (Lectionis Hebraeo-Germanicae usus et exercilatio): „Neque certe et haec res suo fructu carel. Etenim characteres ejus scripturae (Hebraeo-Germanicae) accurale nosse, non solura ad Germanica legemla prodest, sed et ad Hcbraea ipsa manuscripta. Testanlur id bibliothecae priucipium, et vel una maxime lllustrissimi Elecloris Palalini. aliarumque Academiarum inter Christinnos, in quibus aliqua manuscriptorum Hebraicorum copia est: lestari poterunt id singuli, qui manuscriptos libros Hebraicos babcnl. Hi nou tanlum qtiadralo biblico, sed et Gennanico charactere exarati sunt. Al quotusquisque inter nostros reperitur, qui eos vel legal vel inlelligat? In talibus autew, quin multa arcana contineaulur, quae historiam Hebraicam rniriüce illuslrarent, si a perilis legerentur, nihil est dubitandum. Sic Judaei in literis quolidianis familiaribus et quibuslibet scriptis suis communiter hodie eodem charactere ulunlur. Isla legere nemo polerit, nisi hujus scribendi ralionis peritus. Testis sit *) S. Rotwelsch von Hossmann von Fallersleben, „Weimarisches Jahrbuch für deutsche Sprache, Literatur und Kunst", Bd. I, Heft 2, S. 328 fg.