Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1863)
- Date
- 1863-04-14
- Page
- Seite 241 (sequence 5)
- Language
- German
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241 terwarfen, ohne daß dies aber über den Kreis der Gebildeten hinausging. Wenn in Nordegypten und Syrien seit Alexander dem Großen die griechische Sprache vorherrschend war und sich sogar dialcctisch mcdificirte, nämlich zum sg. hellenistischen und specieller alexandrinischen Dialecte, so war dies eben nur Sache der politischen Gewalt, und wir haben keine aus dem dortigen Volksleben hervorgegangenen Producte, die geradezu helleuistrt waren, wie wir sie gleich aus dem jüdischen Leben anzuführen haben werden. Schon in den spatern Büchern der h. Schrift sehen wir eine Menge Fremdwörter ohne Weiteres angenommen, viele aramäische Sprachformeu adoptirt, ja endlich ein und daffelbe Buch theils aus hebräischen, theils aus aramäischen Stücken, harmlos neben einander gestellt, zusammengesetzt. Bald hat sogar das Aramäische das Hebräische als Volkssprache verdrängt, und theilweise redete das Volk die Sprachen der umliegenden Völker, z. B. Pelischthisch (Nehem. 13, 24), andererseits hatten die Juden sich so sehr ins Griechische hineingelebt, daß — eine unbekannte Erscheinung im Alterthume — Uebersetzungen nicht blos der h. Schrift, sondern auch anderer gangbarer Bücher B. Sirach) gemacht wurden, und bald auch Juden als Originalschriststeller in der griechischen Sprache und zwar auf den höchsten literarischen Gebieten, Poesie, Philosophie, Geschichte auftraten. Hierbei, namentlich in der Septuaginta, konnte die Ausnahme hebräischer Wörter und Formen gar nicht vermieden werden, und der Geist der Sprachmengerei hielt bereits seinen Einzug. Hervorzuheben ist hierbei, daß in Jerusalem selbst man durchaus nicht anstand, diesem Zuge der Zeit zu folgen, und es fanden z. B. nicht allein viele griechische Eigennamen die bereitwilligste Aufnahme, sondern die hebräischen Namen wurden bereitwillig hellenisirt. Man wandelte Josua in Jason, Manasie in Menelaos, Kepha in Kaiphos u. s. w. Mit dem Beginne der mischnischen Schriften aber hob die rechte Sprachvermischung erst an, bis nicht allein die hebräische von der aramäischen Sprache in der Gemara gänzlich verdrängt, sondern auch zahllose Wörter aus allen möglichen Sprachen (Griechisch, Lateinisch, Persisch u. s. w.) ausgenommen und „zerhauen und zerstochen" adoptirt wurden. Bei jedem andern Volke würde man diese Erscheinung als einen Mangel an Charakter, als eine nationale Schwäche bezeichnen dürfen. Den Juden wird man diesen Vorwurf nicht machen können. Sie, die nicht blos etwa religiöse Dogmen, sondern ihre ganze Nationalität in' Gesetz, Sitte und Charakter mit einer unerschütterlichen Zähigkeit fest und aufrecht hielten, erwiesen hierin vielmehr eine Gewandtheit, Schmiegsamkeit und Befähigung des Geistes, welche sie allein unter allen Völkern des Alterthums geschickt machte, die weltgeschichtliche Rolle zu spielen, zu der sie bestimmt waren. Wir müssen darin, wenn uns dieselbe Erscheinung auch im Mittelalter und in der Modernen Zeit begegnet, das von Innen heraus treibende Streben erkennen, das jüdische Particulärleben mit dem allgemeinen Volksleben zu verbinden und auszugleichen. Die eigentlichen Erben dieses Sprachvermischungsgeistes waren die deutschen Juden, und der jüdischdeutsche Dialect hat seinen besondern Charakter darin, daß er nicht etwa bloß unvermittelt Hebräisch und Deutsch unter einander wirft, sondern das Hebräische geradezu germanisirt, indem er z. B. die hebräischen Wörter deutsch siectirt, sogar öfters den hebr. Plural noch mit deutscher Pluralendung versiebt, das hebr. Femininum mit deutscher Feminalendung, das hebr. Participium mit deutschem Hülfszeitwort conjugirt u. s. w. Man findet dies bei den Juden anderer Zungen, z. B. den spanischen, nicht, indem diese die hebr. Wörter unvermittelt aufnehmen. Wir haben daher in dem jüdischdeutschen Dialect eine Aufnahme des deutschen Genius seitens der Juden in ihr eigenstes Wesen, indem sie ihr heiligstes und ererbtes Gut dem deutschen Geiste zur Durchdringung und Bearbeitung hingeben, bei welchem Prccesse wiederum das Deutsche gewissermaßen geheiligt wurde, so daß z. B. der alte Rabbiner im entferntesten, europäischen Osten es für eine schwere Versündigung hält, wenn Jemand beim Uebersetzen der Bibel, beim Talmudlerneu u. s. w. statt der deutschen Sprache sich der polnischen, russischen, ungarischen bedienen wollte — das Deutsch ist ihm zu einer zweiten heiligen Sprache geworden. Wir möchten daher auch unsererseits einen Ausspruch unseres Hamburger Freundes unterschreiben, daß die jüdisch-deutsche Sprache ein geniales Werk des deutschen Genius in den Juden sei. Diese Bemerkungen wollten wir voraussenden, bevor wir einen weiteren Blick in die wissenschaftliche Bearbeitung werfen, welche Herr Dr. Av6 - Lallemand im 3. und 4. Theile seines Werkes idas deutsche Gaunerthum, Leipzig 1862) dem jüdisch-deutschen Dialecte angedeihen läßt. Nachdem dieser die Literatur dieses Dialectes, besonders die grammatische und lexicographische Literatur ausführlich (Bd. III. S. 198—240), dann die Current-