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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-04-07 · Heft 15 (7.4.1863) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 15 (7.4.1863)
Date
1863-04-07
Page
Seite 223 (sequence 3)
Language
German
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223 Nase sehen, auf einem Beine stehen, Schlaf entrathen und die höchsten Martern an sich fortsetzen, oder daß so viele unserer Mönche und Heiligen sich todt geißeln, todt beten, todt hungern — man sollte denken, sag' ich, solche Aufopferungen müßten die kleinern, die die Tugend fordert, voraussetzen, und es müßte eben so viele Tugendhafte, als Heilige und Märtyrer geben . . . Und es ist doch nicht so. Die Ursache ist: alle jene Büßungen, jene Zeremonien vertragen sich leicht mit der größten Wildniß des Herzens, und es ist viel leichter, die ganze Thora des Talmuds als ein einziges Reglement aus der Thora des Gewissens zu befolgen. Dazu macht der talmndische Sachsenspiegel den Menschen kleinlich und eng; die edle Seele steigt über religiöse Zeremonien so gut als über bürgerliche und dringt in den reinen großen Himmel. Noch in der andern Welt werden wir auf unsere Tugenden, Aufopferungen und Thranen in dieser ohne Verachtung niederblicken; aber vergängliche Dinge, solche wie Enthaltung von Todtenberühren, wo ebensogut das Gegenrheil geboten sein könnte, müssen uns dort winzig erscheinen, wie die warme Erdenkruste des Körpers, an Leu sie gebunden sind. Ueberhaupt hängt Ihrer sonst scharfsinnigen Nation — deren Physiognomie durchgängig die scharfe, mit vordringenden, festen Gesichttheilen schneidende des Scharfsinns ist (ich habe noch an keinem Juden die wie eine Wanze zerdrückte Kalmuckennase bemerkt) — etwas Mikro logisches an, was ich gern zum Sohne des Talmuds und der Masora machen möchte, wenn es nicht der Vater beider wäre. — In der Kabbala ist mehr Philosophie in Dichtkunst vererzt, als in jenen beiden. Alles, was wir körperlich oder äußerlich vor dem Unendlichen thun, kurz, was nicht Gedanke ist, also alles laute Beten, Knien, Händefalten, ist Zeremonie, nicht Tugend (obwohl Aeußerung der Tugend), und alles das könnte eben so gut im Gegentheil bestehen: es wäre eben so fromm, wenn ich beim Beten auf stände als niederfiele, den Kopf bedeckte lwie die Römer) als entblößte. Also folgt daraus gegen alle Zeremonien — nicht das Geringste. Wir armen, vom Fleischpanzer umklammerten Menschen, wir öden, in die scharfen Ketten geworfenen Seelen, wir müssen, wenn unser edles Ich seine Flügel aufschlägt, diese innere Bewegung durch eine äußere unseres Gehäuses ossenbaren. Wie? ist denn z. B. die geringste Aehnlichkeit, das geringste Verhältniß zwischen dem Druck der Hand oder der Lippe und zwischen dem liebenden, heißen Gefühle, das mit jenem Druck «chmerzhaft-süß aus seinem Kerker an den andern Leibeskerker der geliebten Seele klopft? Wenn ich voll Liebe meine Arme um die geliebte Gestalt herumlege, ist denn da zwischen diesem Zeichen und der bezeichnelen Sache die mindeste Aehnlichkeit, da oft der Groll eben so gut umfasset, um zu erwürgen? — Konnte das Schütteln des Kopfes, das bei allen Völkern Nein bedeutet, nicht eben so gut ein Ja aazeigen? Also da unsere beklommene Seele keine Zunge und keine Farbe für ihre Bilder hat, so verschmähe Niemand die Farbe, die sie im Drange der Empfindung ergreift. O der arme Mensch kann, wenn er auch den ganzen Tag darüber philosophirt hat, dieser kann, wenn er draußen vor der untersinkenden Sonne steht, die mild und groß zur andern Halbkugel hinunter zieht, und die der unsrigen an den Blüthen und Bergen die Gesundheitsröthe eines sanft erwärmten Tages nachlässet, und wenn er als ein Wunder unter Wundern steht, als ein Glücklicher unter Glücklichen, als ein ewiger Geist unter den ewigen Körpern um ihn her, dieser Mensch kann Abends, wenn er endlich in den Himmel, aus dem die Sonne gesunken ist, aufblickt zum großen glimmenden Blau, in dem enrsiogene Funken des Thrones eines Ewigen schillern, dieser muß, von der Allgewalt der Schöpfung niedergedrückt, auf die schwachen Menschenknie stürzen und beten: „Du Unendlicher, dein Geschöpf sinket zusammen, wenn du erscheinest, ach ich werfe gerne dieses Angesicht aus Erde, dieses Her; aus Erde auf deine Erde nieder, denn ich will dir nicht danken, sondern nur zertrümmert und brennend und verstummend reden." — O! jedes Zeichen der Andacht ist ehrwürdig, unter jedem Volk — wir haben alle dasselbe Herz und denselben Gott, und unsere kleinen Verschiedenheiten sind gewißlich diesem ewigen Geiste nur — Aehnlichkeiten. Ich habe mich in Flammen geschrieben über Dinge, wo ich statt Zeilen Bogen brauchte, wie über mehrere -> Dinge Ihres lieblichen Briefes. Leben Sie wohl, liebe Seele!" Schmerzlich werden jeden Menschenfreund folgende Worte Emanuel's, geschrieben am 12. Juli 1795, berühren: „Ich kann nicht ohne Rührung bleiben, wenn ich von der Tugend der Vaterlandsliebe lese. Und doch! den Juden, und wäre er einer der angesehensten, größten, brauchbarsten, d. h. reichsten, kann ich bei der jetzigen Lage der Dinge, nach welcher er dem Staat nicht im mindesten nützlich sein kann, darf und soll, nicht zum christlichen Tagelöhner hinauf heben, auch nicht, 15*

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