Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1863)
- Date
- 1863-04-07
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
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222 und zwischen dem Fasten am christlichen, und zwischen dem Schmausen am jüdischen Schabbas ist als körperliche Handlung kein Unterschied, — außer daß die letztere Zeremonie ein wenig angenehmer ist. Ihre Religion überholt darin unsere, daß sie keine einzige theoretische Unbegreiflichkeit und Kontradikzion wie unsere fordert. Ein Philosoph kann leichter ein Talmudist als ein orthodoxer Christ sein. Gerade Religionen und Völker mit vielen, scharf abgeschnirtenen Zeremonien verwittern später im Wind unv Wetter der Jahrhunderte, als andere mit wenigen Zeremonien: so die Sineser, Bra» minen, Katholiken und Juden — je naher aber eine Religion (wie die reformirte) der Philosophie kommt, desto öfter ändert sie, wie die Philosophie selber, Körper und Kleid." Emauuel antwortet: „Auf Druckpapier kann ich Ihnen kein Armband, viel weniger eine Halsschnur von meinen Rabbinischen Perlen senden; doch können Sie auf Schreibpapier nach und nach einige Loth Lothperlen, vielleicht auch eine kleine Zahl Zahlperlen bekommen. Die Gemara ist nicht übersetzt; wäre sie's, so wäre sie es für die Nichtjuden so gut, wie die Mischna. — Warum, Lieber! sagen Sie: „leider! habe ich mehr über, als von Juden gelesen." Sie glauben nicht, wie sehr mir Ließ „leider!" aufgefallen, und wie ich es nicht aus den Augen bringen kann. Die Mischna, die Gemara u. a. dergl. Schriften sind ohntz Commentar nicht zu brauchen. Bon Unsterblichkeit und Seelenwanderung sagt die Gemara nur wenig. Die „zwei Seelen" meiner Lehrer könnten sich wohl, wenn Widersprüche die Verdoppelung bewirkt, noch öfter verdoppeln. Aber wenn wir uns in ihre Bildersprache gefunden, erscheinen sie uns anders. Vor allem bedenken Sie, daß der Talmudift eine Größe darin sucht, die äußerste Grenze eines jeden Dings nicht nur, sondern einen jeden Weg aus weitester Entfernung zu dieser Grenze aufzusuchen, und in der Uebertretung eines ganz unbedeutenden Gesetzes schon die Verletzung der wichtigsten vorauszusehen. Darum sagt er:^>,Wer am Sabbath ein Geschwür aufzwickt, blos um es zu öffnen (ohne Noth), der Übertritt das Gesetz; (während die Oeffnung desselben zur Heilung in der Ordnung ist). Der Talmudist gebraucht ein Bild; die Gemara will damit sagen: „Wenn ein Geschwür ohne Noth aufzwicken schon eine Art Bauen oder Arbeit, wie sehr ist es dann des Juden Pflicht, jede Handlung, die er am Schabbas verrichten will, genau zu prüfen, ob sie nicht eine Art Handlung sei? Dann aber ersieht der Jude zugleich aus dieser Stelle, daß er im Falle der Gefahr sich über das Gebot wegsetzen kann. Nach mosaischem Gesetz war vieles „unrein", worauf man nicht mehr achtet. Uns macht jetzt nichts mehr unrein, und nichts mehr als andere Menschenkinder, rein. Blos die Nachkömmlinge Aarons, die sich auf ihren Stammbaum noch etwas einbilden, und die bei uns auch viele (?) Vorzüge haben, berühren — ohne Noth — keinen Todten und betreten keinen Ort, wo Todte liegen. Ihre Rechtfertigung dieser Verunreinigungslehre ist ebenso prächtig als wahr und die dazu gesetzte Meinung über alles schön und richtig." Jean Paul replicirt: „Erstlich über mein „Leider Hab' ich mehr über als von den Juden gelesen." Das kann nichts heißen, als ich beklag' es, daß ich die Unterdrückten fast blos aus dem Munde der Unterdrücker kenne — daß Christen die Portraitmaler der Juden sind, denen nicht mehr zu glauben ist, als wenn Juden die Portraitmaler der Christen sind. Denn der feine Geist jedes Volkes — eines so unähnlichen zumal — verdampft, wie jeder Spiritus, in allen Schilderungen; und nur aus der Geschichte, dem Leben, und den Schriften des Volkes selber ist sein Spiritus rector, sein LebenSgeist rein abzudunsten und zu kohibiren. Den 23. April. Allerdings haben Sie recht, daß der Talmudist sich in den äußersten Grenzen seiner Bestimmungen gefalle; auch darin haben Sie Rechts womit Sie ihn rechtfertigen, daß einer nehmlich, der -über ein kleines Gesetz wegschreitet, endlich auch das große überspringe. Aber damit ist der Talmudist wenig gerettet. Zwar wird man tugendhaft auf einmal, d. h. durch einen plötzlichen Entschluß, durch die sogenannte Bekehrung, die aber noch keine Tugendfertigkeit ist, und lasterhaft wird man allmählich, jeden Tag setzet eine trübe Welle neuen Schlamm ab, und ich sage in meinen Hundsposttagen: „die Tugend zieht nur durch Portale in uns ein, aber der Teufel durch's Fenster und durch Sphinkter und alle Poren." Allein ich behaupte, der Talmud entkräftet durch Zeremonien die Tugend. Man kann nach dem Münzfuß aller Zeremonien leben, ohne eine einzige Neigung — was gerade schwer ist — unter den Prägstock der Moral zu bringen. Es ist dem eiteln Menschen leichter, die Lumpen der Mönche anzulegen als ein simples Kleid. Man sollte denken, wenn mau liefet, daß so viele Braminen fünfzig Jahre lang in die Sonne oder auf die