Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1863)
- Date
- 1863-03-31
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Kaukasien. Lemir-Chau-Schura, im Nvbr. 1862. (Privatmitth.) Während meines kurzen Aufenchaltes hier im Kaukasus hatte ich Gelegenheit im Kreise der hiesigen Juden zu sein, die von ihren europäischen Glaubensgenoffen als „Stiere" bezeichnet werden, und ich hatte es nicht hier überflüssig Einiges über sie zu berichten. Nach der Meinung der Erfahrenen unter chnen datirt sich die Ansiedelung ihrer Borfahren aus der Kumiker Fläche des nördlichen Dagestans aus den Zeiten der Babylonischen Gefangenschaft. Es ist bekannt, daß nicht Me in die Heimath zurückkehrten: ein großer Theil blieb in Persien und von hier siedelten einige nach dem Kaukasus über, wo sie zu ihrem Wohnorte hauptsächlich die Stadt Derbent, auch Kuba, Leonkran und noch viele andere Städte und Dörfer des nördlichen Dagestans wählten. Ihre Sprache ist persisch, die aber bedeutend verdorben wurde; sie kleiden sich in persische und tatarische CostümS, und merkwürdig, daß sie ein Kleid, das sie angezogen, nicht eher wieder ablegen, bis es zum Tragen nicht mehr gebraucht werden kann; ja, sogar an den größten Feiertagen, wie z. B. am Versöhnungstage, wechseln sie ihre Kleidung nicht. Sie rasiren nicht den Bart und tragen lange „Peis" (Locken); sowohl dadurch als auch der Physiognomie nach, fällt es nicht schwer, sie von den Muselmännern zu unterscheiden, in deren Mitte sie leben. Sie leben oder vielmehr sie vegetiren in vollkommener Unwissenheit und Borutthellen und es ist schon viel, wenn einer unter 5 oder 6 männlichen Gliedern der Familie in „Chedar" (Schule) zu ihrem sogenannten „Rabbi" gehen, der weder mit der Pädagogik noch mtt europäischer Bildung, sogar nicht mü hebräischen Gegenständen bekannt ist. Nichts desto weniger aber genießt dieses „Chedar" und dieser Lehrer die größte Achtung. Die Schüler wagen nicht einzelweise die Schule zu betreten, sondern wenn sie sich in großer Anzahl versammelt haben, tteten sie feierlich und mit Ehrerbietung in die Schule ein, begrüßen mit Ehrfurcht ihren Rabbi, der während der ganzen Zeit auf der Erde neben einem lleinen Tische sitzt, und vor ihm stellen sich die Schüler auf, indem sie die rechte Hand ans Herz legen. Man würde glauben vor sich den berühmten Rabbi Akiba und seine Schüler zu sehen! Ein Blick oder eine Wendung des Lehrers versetzt die Schüler in Furcht und Schrecken. — Die hiesigen Juden gerben ausgezeichnet verschiedenartige Leder, verfertigen Kleider, spinnen Seide und verarbeiten sie u. s. w. Ihre hauptsächlichste Beschäftigung besteht in Ackerbau, besonders in Gärtnerei und in Anbauung von „Marenen", deren Pflanzungen große Strecken einnehmen. Einige befassen sich mit Handel und besuchen die russischen Märkte, hauptsächlich begeben sie sich nach Nischne-Nowgorod. Sie leben nach asiatischer Art und Weise: vor ihren Wohnungen ist ein schrecklicher Schmutz, aber im Innern ihrer Häuser, sogar in den ärmsten — eine musterhafte Reinlichkett, die wir den untern Schichten der jüdischen Bevölkerung in europäischen Städten wünschen. Zu ihren guten Eigenschaften gehört noch die Gastfreundschaft; sie lieben den Frieden und die Wahrheit, so daß sie nicht fähig sind Jemanden zu belügen oder zu betrügen. Man erzählte mir in dieser Hinsicht einen belustigenden Fall: der tatarischen Sitte gemäß versammeln sich auch unsere Glaubensgenossen in den Mußestunden in dem Centrum ihrer Wohnungen oder unweit ihrer Gotteshäuser, um Neuigkeiten zu erfahren und mit einander zu plaudern. In diesen Versammlungen herrscht Ruhe und Ordnung. Der Redner steht gewöhnlich in der Mitte des Kreises, die nächsten von ihm sind Diejenigen, die den Wunsch äußetten zur Versammlung zu sprechen. Einst übernahm in einer derartigen Versammlung in der Stadt Kuba ein durchreisender „Asehkenas" (so benennen die dortigen Juden ihre europäischen Glaubensgenossen) die Rolle des Redners. Mit Gewißheit theilte er ihnen die Nachricht von der alsbaldigen Ankunft des Messias mit, die im jüdischen Volke Glauben findet und brachte eine große Sensation unter den Anwesenden hervor: die Armen freuten sich, da sie bei der Uebersiedelung nichts zu verlieren hatten, die reichen Besitzer von Gärten dagegen konnten sich durchaus nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie Alles zurücklassen müssen und wünschten wenigstens einigen Aufschub. Niemanden stieg der Gedanke auf, daß der „Asehkenas" sie zum Besten hielt. Endlich, als Alles entdeckt wurde, sagten sie einstimmig, daß ein Asehkenas — ein Lügner und daß ein Sefard (d. h. sie selbst) — ein Chassid (ehrlich, brav) ist und von diesem Gesichtspunkte betrachten sie alle zu ihnen aus Europa kommenden Juden. Ich hoffe mit der Zeit ein Mehreres über unsere hiesigen Glaubensbrüder mitzutheilen. (Nach dem Russischen des Marcus Gudowitsch von L. T. aus O.) 14**