Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1863)
- Date
- 1863-03-31
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Rußland geben soll, und welcher Artikel die Nothwen- Icit und Gründe für die Freizügigkeit der Juden ganz in der Art entwickelt, wie wir sie in diesem Blatte und anderswo seit sieben Jahren so oft vorbrachten. Dann mehrere kur- und liesländische Zeitungen, welche unfern Artikel aus Mitau in Nr. 48 v. I. wörtlich reproduciren. Die Redactionen bemerken dazu, daß sie Entgegnungen oder Berichtigungen aufnehmen würden — aber es find keine eingelaufen — der stärkste Beweis für die Richtigkeit der Thatsachen in demselben. Ein großes Aufsehen verursachte ein Artikel in der „Riga'schen Zeitung" über Pferdediebstähle „von einem Grenzbewohner", in welchem das Monopol dieses Verbrechens den Rusien, Juden und Zigeunern zugesprochen, nun aber eine Süudfluth von Schmähungen auf die Juden gehaust wurde, indem allen Handel und alles Gewerbe der Juden als Betrug und Diebstahl zu brandmarken der pöbelhafte Berfaffer sich gestattete. Hierauf erfolgte eine Unzahl der kräftigsten und gründlichsten Widerlegungen, eine Erwiderung im Journal „Inland" Nr. 2 ruft aus: „Hört es also, ihr jüdischen Kauflente Ir, 2r und 3r Gilde Kurlands, die ihr bei einer jüdischen Bevölkerung, die nicht 5/ioo der ganzen Einwohnerzahl Kurlands erreicht, die Hälfte aller dortigen Kaufleute bildet! Vergebens ist euer Streben, eure Namen rein und unbefleckt zu erhalten, vergebens euer Bemühen, die Käufer und Gläubiger prompt und zufriedenstellend zu behandeln! Ein Grenzbewohner Kurlands hat auf euere Firmen „„Diebstahl und Betrug"" gesetzt!" „Dieselbe Folgerung hat der Herr Grenzbewohner wahrscheinlich auch auf die zahlreiche Masie der jüdischen Handwerker angewandt, die von den ihnen gestatteten Gewerbszweigeu manche Branche größtenteils, manche fast ausschließlich vertreten. Vergebens verwenden sie Fleiß und Mühe auf ihr Gewerbe, vergebens durchwachen sie Nächte, besteigen oft unter Lebensgefahr Dächer und Thürme, um die ganze Zahl ihrer Brodherren, die sich vom höchsten Adel bis zum Bauernstände ausdehnt, zu befiiedigen, der Hr. Grenzbewohner hat dem jüdischen Handwerker — den Stempel des offenkundigen Diebstahls und Betruges aufgedrückt. Ja, daffelbe Schicksal theilen auch jene Steinhauer in Kurland und Litthauen, welche größtentheils Juden sind und bei der brennendsten Hitze und rauhesten Witterung auf offenem Felde obdachlos ihr mühseliges Gewerbe treiben, oft das Blut aus ihren Händen fließen sehen, und im Schweiße ihres Angesichts ihr kümmerliches Brod erwerben. Auch ihr Männer Israels, die ihr oft mit der größten Noth und dem erdrückendsten Mangel ringend, die schönsten Jahre eures Lebens der Wissenschaft geopfert und nun euere Dienste der Menschheit weihet, auch ihr, so lange ihr euch zu diesem Volke zählet, brandmarket die Wissenschaft durch Diebstahl und Betrug!" — Nicht minder brachte die „Riga'sche Zeitung" selbst von Rabbiner Dr. Naumann, 'owie die „Riga'sche Handelszeitung" Nr. 30 lobenswerthe Entgegnungen. Ein Curiosum sei noch angeführt. Ein Znserat im „Inland" aus Dorpat sagt: „Wegen der Gleichartigkeit des Gegenstandes führen wir hier folgende dem Russischen Invaliden entnommene Stelle der St. Petersb. Zeitung Nr. 28, 2. Februar 1863, an: „Der Cornet Fürst Sfarinow von der Armee Cavall. und bei der kaukasischen Armee wird dafür, daß er 2 Pferde gestohlen hat, des Ranges und aller persönlichen und bürgerlichen Rechte beraubt und zum Aufenthalte nach dem Gouv. Perm geschickt, wo er den ihm angewiesenen Wohnort binnen 2 Jahren nicht zu verlassen hat." Könnte nun Jemand aus diesem Falle einen Schluß auf den Stand werfen? Wie will man aus einigen wenigen jüdischen derartigen Verbrechern, welche mau anführen kann, ein Schuldig über zwei Millionen Juden sprechen? Den ärgsten logischen Schnitzer läßt sich jener Ankläger aber zu Schulden kommen, indem er die des Pferd ediebstahls bezüchtigten Zigeuner damit entschuldigt, „daß sie doch wenigstens Christen" seien — also das soll ihr Verbrechen rechtfertigen?! Fehlt es somit den Juden in Rußland jetzt nicht an gewandten und tüchtigen Vertheidigern ihrer Sache, so hegen wir um so mehr Dank für die Regierung, welche ihnen volle freie Hand darin läßt. Literarischer Wochenbericht. Neu-Sandec, im Marz. Journalistische Curiosa. 1. Du sollst nicht stehlen (Exod. XX. 14). In Geschäftsangelegenheiten reisend, lernte ich in einem entlegenen Landstädtchen Westgaliziens einen jungen Mann kennen, der äußerlich ein chassidisches Leben führt, in der That aber nichts weniger als ein Chassid ist. Er verschlingt mit Heißhunger jede neue literarische Erscheinung auf dem Felde der modernen Literatur, die ihm der Zufall in die Hand spielt, ist ein stiller Verehrer des hochwürdigeu Redacteurs d. Bl. und studirt dessen Schrif-