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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-03-24 · Heft 13 (24.3.1863) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 13 (24.3.1863)
Date
1863-03-24
Page
Seite 192 (sequence 4)
Language
German
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192 vor allen Dingen Franzose. Es mag ihm ein Ehrenpunkt sein, den Glauben seiner Väter, welchem er in manchen Fällen eine tiefe Anhänglichkeit widmet, aufrecht zu erhalten, aber seine wirkliche Religion (allgemein gesprochen) ist ein liberaler und philosophischer Deismus." — Betreffs Englands hebt der Verfass, hervor, daß in diesem seinem Vaterlande sowohl die socialen als die religiösen Unterschiede schärfer und nachhaltiger bestehen bleiben, und die englische Nation daher in nicht wenigen Beziehungen in eine mannigfaltige Gruppirung zerfällt. Hier haben die Juden sich zu der bekannten Reform in der Westend-Synagoge bewogen gefunden, deren leitender Grundsatz die Anerkennung der h. Schrift als Basis in allen Lehrfragen und religiösen Vorschriften ist, ohne dieselbe Bedeutung der talmudischen Tradition einzuraumeu. Der Verf. freut sich übrigens, daß die anfängliche Feindseligkeit zwischen diesen Reformern und der alten Gemeinde gegenwärtig geschwunden sei. — Aus den wenigen Worten, die der Verf. den Juden in Holland widmet, und in welchen er sie auf dem französischen Standpunkte erblickt, ersieht man, daß er diese wenig kennt. — Die deutschen Juden könnten sich darüber beklagen, daß er sie wenig im Detail besprochen und gerade in die reiche und umfängliche Literatur derselben nicht eingeht. Jndeß scheint er über den Charakter unserer Zustände wohl unterrichtet. Er sagt: „Es ist hierin, wie anderswo, Deutschland vorzugsweise Vorbehalten, die sorgfältigst und dauerhaftest durchgearbeiteten Systeme der Theologie hervorzubringen. Unter den deutschen Juden bestehen, wenn wir es richtig erfassen, fünf religiöse Parteien, und jede derselben ist durch eigene Synagogen repräsentirt und geistlich wie dvctrinell unterschieden. Erstens, die talmudisch-orthodoxe Partei, streng anhängend allen Vorschriften der Tradition, obgleich auch sie in vielen Dingen, z. B. in der Erziehung der Frauen und in dem weitausgedehnten Kreise des Unterrichts die Wirkung der Einflüsse, deren Canal Mendelssohn gewesen, verspürt und zeigt. Zweitens, die neuorthodoxe Partei, welche gleicherweise dem alten Ritual anhängt, aber, obgleich sie die Gültigkeit der Tradition anerkennt, doch historische Untersuchungen über deren Ursprung für berechtigt hält und solche Veränderungen zuläßt, welche die Resultate ihrer Forschung verbürgen. Diese Schule, sagt man, unterscheide sich durch gelehrte und in ihrem Vorsatz ehrliche Männer, die aber nothwendig ungewiß und schwankend und unconsequent in ihren Schlüssen sind. Drittens, die biblischen Juden, welche im Ganzen das Alte Testament zu ihrem Führer nehmen, sich aber nickt an die Aussprüche des Talmuds gebunden erachten, weshalb sie bedeutende Reformen und Abkürzungen im alten Gebetbuche zulassen. Diese stehen den Reformjuden in England am nächsten, zeichnen sich aber durch eine liefere Kenntniß der biblischen und jüdischen Literatur vor ihnen aus. Viertens, die älteren Reformjuden, anhangend der göttlichen Autorität des Alten Testaments und besonders des Pentateuchs, aber sich selbst meist gänzlich vom traditionellen Ritual befteiend, deutsche Gebete in ihre Synagogen einführend und eine fteiere Ansicht von Ceremonien im Allgemeinen annehmend. Endlich fünftens, die neuen Reformjuden aus dem Jahre 1845 datirend, welche das Ceremonialgesetz nicht allein des Talmuds, sondern auch des Pentateuchs verwerfen, und die Vorschriften nicht allein betreffs der verbotenen Thiere, sondern auch hinsichtlich der Befchneidnng außer Augen setzen, obgleich die meisten Glieder ihrer Gemeinde diesen Ritus noch ausüben." Nach dieser Schilderung fügt der Verf. hinzu, daß es zu weit führen würde, diese verschiedenen Schulen im Detail zu zeichnen und beschränkt sich darauf, als zwei Charakteristica das Religionsbuch von Pleßner (1838) und das Gebetbuch der Reformgemeinde (1859) anzuführen. Es ist dem Verfasser genehmer, den vorzüglichsten Sprecher der französischen Judenheit, Salvador, kritisch zu beleuchten. Der übrige Theil des Aufsatzes ist daher den Werken dieses Schriftstellers gewidmet. So sehr wir nun auch unsererseits die Verdienste Salvador's anerkennen, so müssen wir doch Verwahrung dagegen einlegen, ihn als den wirklichen Repräsentanten deS modernen Judenthums zu betrachten. Salvador hat vom Beginne seiner schriftstellerischen Laufbahn an sich zu sehr isvlirt gehalten, zu sehr gestrebt, der Entwickelung seines eignen Geistes, seiner eignen Gedankenwelt sich zu widmen; er besitzt zu wenig Kenntniß der hebräischen Sprache und Literatur und weiß von den Arbeiten der deutschen Juden so gut wie gar nichts, um ihn anders als eine originelle Individualität an sehen zu können. Bei aller Achtung und Reserve, welche der Verf. deS englischen Aufsatzes au den Tag zu legen sucht, können wir uns dennoch von der Annahme nicht trennen, daß er sich gerade Salvador ausgesucht, weil dessen Ansicht einige schwache Seilen bieten, auf welchen der Kritiker dem modernen Judeuthume überhaupt beizukommen und es zurückzuweisen, den Schein annehmen konnte. Die Benrtheilung der früheren Werke Salvador'-,

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