Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1863)
- Date
- 1863-03-24
- Page
- Seite 191 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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191 kennt er auch bei Durchforschung der Geschichte in früheren Epochen des Judenthums, und er wirst deshalb einen schärferen Blick auf die Vergangenheit. Die Entstehungsgeschichte des Talmuds giebt ihm zu der Bemerkung Veranlassung, daß auch unter den Juden selbst die Autorität des Talmuds sehr verschieden angesehen wurde und wird, und die Quelle von Spaltungen im Schooße der Juden gewesen und noch sei; doch sehen die Juden im Talmud, auch wenn ste für dessen Schwächen ein offenes Auge hatten, immer eine reiche Quelle der Erläuterung für die Bibel. Nachdem der Verf. einen Blick auf die Verfolgungen der Juden durch die christliche Kirche geworfen hat, erinnert er an die Verdienste der Juden um die Wissenschaften während des Mittelalters, deren Erwerbung ihnen durch die milde Behandlung Seitens der Mohammedaner ermöglicht war. Er sagt: „Dies ist ein Capitel der Geschichte, welches die Christen mit Scham lesen müssen. Zu einer Zeit, wo jede Art von Verachtung und Ungerechtigkeit und Grausamkeit durch die christliche Morallehre gerechtfertigt wurde, wenn auch nur in Hinsicht auf die Juden, haben die Anhänger Mohammeds, obgleich sie die Juden auch als schuldig der Verwerfung der offenbarten Wahrheit ansahen, sie dennoch sich selbst der Pflege der Wissenschaften zugesellt. Durch die Juden wurde» die Werke von Aristoteles und andere Productionen des griechischen Geistes ins Arabische übersetzt, und später gaben diese Arbeiten die Veranlassung zur scholastischen Philosophie des Westens. Durch die Juden wurde die medicinische Wissenschaft wieder erweckt, — welche nicht blos auf der Lehre der Griechen beruhte, sondern auch auf den traditionellen Vorschriften des Talmuds: und die medicinische« Schulen erössneteu bekanntermaßen den Anfang und die weitere Pflege der Physik." Nicht minder weiß der Verfasser die Verdienste der Juden um Handel und Politik hervorzuheben. Hierauf geht er näher auf die Stellung und genialen Schöpfungen des Maimonides ein, und vergleicht dann die Einwirkung auf die allgemeine Cultur, welche aus der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal und deren Zerstreuung im westlichen Europa stoß, mit der Vertreibung der Griechen aus Konstantinopel. Tenn wie durch diese die Kenntniß der griechischen Sprache und also der classischen Literatur in Europa verbreitet wurde, so förderten die vertriebenen Juden die Kenntniß der hebräischen Sprache und gehören so zu den wesentlichsten Vorbereitern der Reformation. Verschaffte doch nach der Ansicht unsres Verfassers gerade das Alte Testament und die Kenntniß seines Urtextes den Reformatoren die schärfsten Waffen gegen die Herrschaft des Papstes. Der Uebergang zu Spinoza war hiermit gegeben und der Vers., der cs verstand, einen bedeutsamen Schlüssel zur Doctrin Spinoza's in dessen Charakter zu finven, erkennt dessen Philosophem als die Grundlage aller modernen Philosophie, und weis't nicht minder die unmittelbare Einwirkung derselben auf die bedeutendsten Geister Deutschlands, wie Göthe, Schleiermacher ff. zu berühren. Jetzt wendet er sich zu Moses Mendelssohn, dessen Stellung und Leistungen ev nicht ohne Verständniß würdigt. Die Veränderungen, die mit der stanzösischen Revolution eintraten, das Pariser Sanhedrin und die Vollendung der Gleichstellung seit 1830 in Frankreich, sowie in den übrigen europäischen Staaten, werden an uns vorübergeführt.* Er macht hier den Uebergang mit folgenden Worten: „Die natürliche und nothwendige Consequenz ist, daß in allen diesen Ländern die Vorurtheile und Absonderungsgefühle, welche die Juden von ihren Mitbürgern trennten, nach und nach verschwinden. Die vom Rabbinismus aufrecht gehaltenen Schranken, welche in den letzten Jahrhunderten in ihrer Strenge nur gewachsen waren, besonders unter dem von den Schulen Böhmens, Ungarns und Polens ausgegangenen Systeme, verloren nach und nach, aber schnell genug ihre restrictive Macht; es erstanden neue Systeme unter den Juden, welche mit der gesunden Vernunft und der heil. Schrift Israels mehr übereinstimmten, und die Stelle der alten Orthodoxie einnahmen." Von dieser Grundlage aus, welche also die Ansicht des Verfassers, daß der jüdische Geist zu aller Zeit in Fluß und Gährung geblieben, genügend erhärtet hatte, zeichnet er nun die religiösen Zustande der Juden in den einzelnen Ländern, wenn auch nur in flüchtigen Skizzen. In Frankreich findet er, wie er sagt, sonderbar genug, während jene Bewegung am schnellsten vorging, den geschilderten Wechsel am langsamsten. Die stanzösische Synagoge ist am meisten stehen geblieben. Man findet dort keinen reformirten Gottesdienst, keine getrennte oder nur in sich uneinige Gemeinde. Die politische Freiheit und die Unabhängigkeit von ihren Rabbinen scheint den französischen Israeliten genügt zu haben. Gleich den römischkatholischen Laien in Frankreich begnügen sie sich, das alte Ceremoniale und die Dogmen ihrer eroberten Religion zu toleriren und theilweise mitzumachen, da sie sich dabei als Individuen des weitesten Latitudinarismus zu erfreuen hätten. „Der französische Jude ist principiell und 13*