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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-03-24 · Heft 13 (24.3.1863) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 13 (24.3.1863)
Date
1863-03-24
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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190 send fach mehr Gelegenheit haben, das Christenthmn kennen zu lernen, als die Christen das Judenthum. Denn ein Jude kann keine Schule und Universität besuchen, kein Buch öffnen und keinen Schritt in's Leben thun, ohne auf christliche Momente zu stoßen, wahrend seine Literatur und sein Leben nur wenigen Christen einen Gegenstand, wenn auch nur flüchtiger Prüfung und Forschung bilden. In diesen Tagen kam uns das Januar-Heft der „Edinburgh Review“ zu, in welchem von S. 180—208 ein Artikel „Monlerne Judaisme“ unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht; und zu gleicher Zeit erhielten wir Nr. 6 und 7 eines in halben Bogen im Städtchen Werden erscheinenden Pietistenblättchens „Neues Zeitblatt für die Angelegenheiten der lutherischen Kirche", welche einen Aufsatz „Blicke in die Kämpfe und Aussichten des Judenthums" enthalten. Allerdings muß der wiffenschaftlich kritische Engländer es uns verzeihen, daß wir dieses deutsche Machwerk nur neben ihm nennen. Aber es geschieht auch nur, um den Gegensatz hervorzuheben, einen Gegensatz, der unserer deutschen Selbstüberschätzung wohl schmerzlich, aber auch heilsam ist. Und dann, wo finden wir im Deutschen etwas Besseres über das Judenthum? Begegnet uns nicht dasselbe, wenn wir Hengstenberg's evangelische oder Krause's protestantische Kirchenzeitung oder gar die Wiener aufschlagen? Es ist überall dasselbe unwissenschaftliche, unkritische, hohle Gewäsch nach einem und demselben hergebrachten Schema. Mau lobt Alles, was am Judenthum des 17. Jahrhunderts unverrückt festhält, man verwirft Alles, was die Verjüngung und Klärung des Judenthums und das Culturleben der Juden fordert und erzeugt hat, man verhöhnt dies als Abfall und Sünde, als fade und flach; man findet schließlich aber auch das orthodoxe Judenthum für lebensunfähig und weiß kein anderes Heil, als daß die Juden sammt und sonders den lutherischen Katechismus beschwören! Freilich, daß auch alsdann ^/« per Christenheit sie immer noch als Ketzer betrachten würden, und daß 5/6 der Protestanten selbst diesen lutherischen Katechismus verleugnen, lassen die Herren außer Acht. In diesem Sinne verlaufen alle diese Expectorationen pietistischer Schulfuchser über das Judenthum, von dessen Schriften sie keine Notiz nehmen und von dessen eigentlichem Inhalte sie keine Ahnung haben. Noch ein weiteres Wort über diese armselige Schaar zu verlieren, die weder einen Begriff von der geschichtlichen Vergangenheit, noch einen Einblick in den Geist, die Bewegung und die Aufgabe der Gegenwart besitzt, doch aber über Leben und Tod großer welthistorischer Erscheinungen zu Gericht sitzen will, während sie selbst der Verwesung schon langst anheimgefallen, das halten wir für überflüssig, wenden uns vielmehr mit Vergnügen dem ernst und würdig arbeitenden Engländer zu, von dessen Artikel wir folgende Analyse geben wollen.*) Er beginnt mit folgenden Bemerkungen: „Es ist noch jetzt die gewöhnliche Meinung unter uns, daß nichts unveränderlicher ist als der jüdische Geist — nichts unbesähigter für Gründe und Fortschritt. Wir denken uns ein Volk, welches in abergläubischen Vorurtheilen ausgewachsen ist und einem ttaditionellen Glauben anhängt, welchen viele Christen als eia Strafgericht ansehen; ein Glaube, der nur theilweise auf ihre eigenen Schriften basirt ist, und mit jenen Schriften iu vielen Dingen ebenso wenig übereinstimmt als mit unserm christlichen Glauben; ein Glaube, der jedenfalls dazu bestimmt ist, unverändert zu bleiben, bis eine höhere Hand als die eines Menschen ihn andern wird. Aber wenn wir den wahren Verhalt der Dinge prüfen, so finden wir, daß dieser Glaube immer in Gähruug und Fluß war: neue Lehren wurden vorherrschend, neue Formen erhoben sich, neue Berührungspunkte mit anderen Religionen, neues Verlangen nach Glaubensannäherung oder nach lauterem Gedankenaustausch mit ihren Mitbrüdern unter den Völkern. Dies brauchte uns nicht zu überraschen; es war eben nur das, was wir erwarten mußten. Es war nur die alte Geschichte von dem Sturme und dem Sonnenscheine iu der Fabel. Der Mantel, welcher unter den Windstößen der Verfolgung und Verachtung fester angezogeu wurde, ist jetzt gelockert, wenn nicht gänzlich unter dem fteundlichen Einfluß von Sympathie und Achtung bei Seite gelegt." Was aber der Verfasser als eine für die Christen so überraschende Erscheinung in der Gegenwart ansieht, er- *) Zu diesem, schon so oft abgehaspelten Schema der Pietisten und Ultramontanen gehört denn auch maßlose Schmähung auf den Herausgeber dieser Zeitung, was wir uns denn auch als eine gebührende Ehrenbezeugung und Zeugniß für unsere Wirksamkeit anrechnen. Das oben citirte lutherische Blättchen thut hierin sein Mögliches, wobei es denn zur Heiterkeit stimmt, daß offenbar der Verfass, noch nie eine Zeile von uns gelesen hat. Er nimmt seine Lügen aus dem Mainzer Schmutzblatt, und ist dieses seines Canals vollkommen würdig.

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