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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-03-17 · Heft 12 (17.3.1863) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 12 (17.3.1863)
Date
1863-03-17
Page
Seite 177 (sequence 5)
Language
German
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177 erkannte. Und immer höher steigerte sich Emanuel's enthusiastische Liebe, als sie sich neben dem Freund und der Freundin auch auf Kinder ausdehnen konnte, mit denen ihre Ehe beglückt wurde, und mit dieser seiner Liebe wuchsen Dank und Gegenliebe im Richter'schen Hause, die, als auch Emanuel sich eine Familie gegründet, in immer erneuten Herzensergießungen und Freund - schaft-Thaten lebendig fortwirkten. In diesen beglückten und beglückenden Seelenbund war auch der erstgenannte Freund Jean Paul's auf's engste verflochten, namentlich dann, als sie Alle an einem Orte vereint lebten. Fast kein Tag verging, ohne daß Jean Paul an Einen oder den Andern ein Billet schrieb und Antwort erhielr. Emanuel und Jean Paul (Otto war zurückhaltender) theilten sich alle Briefe mit, die sie erhielten; gemeinsame Spaziergänge wurden gemacht, die Abende sehr oft gemeinsam verlebt; und am schönsten waren sie, wenn ohne Dazwischenkunft eines Gastes die Freunde gegen einander Lust, Liebe, Scherz, Laune, Witz, Phantasie und Philosophie ausströmen konnten. Dann nannte in ftoher Erinnerung Jeder den Andern den Guten - Abendgeber, und fteute sich auf's Wiedersehen, für welches zwei, drei Tage Unsichtbarkeit schon eine weite, trennende Kluft waren, die erst recht schmerzlich empfunden wurde, wenn zeitweilige Abwesenheit des Einen die Unsichtbarkeit auf ein Paar Tage zur Nothwendigkeit machte. „Guten Abend!" konnte dann wohl Jean Paul an Emanuel schreiben, „und Gott sei Dank, daß man dieß wieder sagen kann! Willkommen! Willkommen! lange Ersehnter! Wenn ich Sie am leichtesten nicht sehen soll, so bleiben Sie nur in Bayreuth." Oder: „Guten Morgen, mein alter Geliebter! Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen, als guten Abend! für gestern. Nie ging ich ohne Freude von Ihnen mitzunehmen fort. So ist's recht." Auch bediente er sich wohl einmal in ftischem Humor kräftiger Betheuerungen; z. B. „Der Teufel soll mich holen und das heilige Donnerwetter erschlagen, wenn ich Jemand mehr achte und liebe, als meinen Emanuel, der mir nur seit so vielen Jahreu den einzigen Schmerz gelassen, daß ich nichts für ihn thun können. Sie hatten in Rücksicht meiner diesen nicht." Oder ein ander Mal: „Bis zur Rührung für mich sind Sie, lieber Emanuel, eingedenk, bestimmt und recht und ordentlich. Es ist mir aber schon ganz recht, daß ich Sie lieben kann, ohne daß Sie mich mit etwas stören, was ich erst vergeben oder vertuschen und wobei ich mir lange Reden halten müßte. So Hab' ich's bester und leichter; ich stelle mich blos hin und liebe Sie ohne Anstand." Oder: „Wir Beide können über Alles auf alle Weise und über uns reden. Es sprechen zwei Geister, nicht zwei Menschen." Oder: „Guten Morgen, Alter! Ich habe nichts Neues zu schreiben, nur mein Aeltestes für meinen Aeltesten, wenn wir uns noch ftüher gekannt hätten. Emanuel! Wir hätten im Lebens-März oder April bekannt werden sollen! WaS wäre daraus geworden!" Mit tteuester Gewissenhaftigkeit feierte Emanuel die Geburtstage Jean Paul's und der Seinen, und wußte sie durch Liebesworte und Liebesgaben zu Erneuerungs- Festtagen seiner Freundschaft zu machen. Jean Paul, obschon von einer gleichen Last der Freudenbereitung beseelt, hatte kein sicheres Gedächtniß für persönliche Verhältnisse und vergaß häufig den oder jenen Geburtstag. Doch ließ er den Emanuel's nicht leicht stumm und gabenlos vorübergehen, wenn er auch den Tag vielleicht versäumt hatte. Eines solchen Geburstag-Geschenkes sei hier ausdrücklich Erwähnung gethan, weil es einen monumentalen Charakter trägt: es war ein goldner Ring mit 5 aus den Haaren von Jean Paul, seiner Frau und seinen drei Kindern geflochtenen Haaren. Ich sah ihn im Laufe dieses Sommers bei der Wittwe Emanuel's in Mainz, die ihn als Heiligthum bewahrt, und der als solches gewiß in der Familie fort und fort verehrt werden wird. — II. Worin Jean Paul wahrhaft genial, worin er einzig ist, das ist seine Beobachtungsgabe der Gefühlsbewegungen der Menschen im schnellen Flusse der Empfindungen, im raschen Wechsel aller Gemüthsbewegungen. Diese Eigenschaft mußte selbst in dem Boden des zartesten Gemüthes, des tiefsten Seelenlebens wurzeln, und konnte hinwiederum nicht anders als eine Sentimentalität erzeugen, welche nicht selten an's Krankhafte streifte. Der vorliegende Briefwechsel giebt ebenfalls davon Zeugniß und es ist eine interessante Wahrnehmung, wie sich Styl und Ausdrucksweise Jean Paul's in den Briefen seiner Frau Caroline und in denen Emanuel's wieder gebären. An's Krankhafte, nach unsrer heutigen Gefühlsweise selbst an's Unangenehme streifen aber die sich immer wiederholenden, überbietenden und selbst barocken Liebesversicherungen zwischen Männern gewechselt. Allein diese krankhafte Senttmentalität hatte einen höchst gesunden Kern, denn die beiderseitige Anhänglichkeit wurde nicht blos durch den täglichen Umgang in keinerlei Weise alterirt,

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