Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-03-17 · Heft 12 (17.3.1863) · p. Seite 176

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 12 (17.3.1863)
Date
1863-03-17
Page
Seite 176 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226377--21082-3300958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

176 sterschaft fand eine Gliederung nicht statt, und außer dem Hohenpriester waren alle Priester unter einander völlig gleich. In allen Fällen, die das Individuum betrafen, stand diesem die Wahl des Priesters, welchen es fungiren lasten wollte, frei. Unter den Rabbinen war von Seiten des Judenthums selbst keine Gliederung vorhanden; was von einer solchen vorkommt, war von außen aufgenöthigt; jeder Rabbiner verdankte seine Autorität zuerst sich selbst, dann der Bedeutung seiner Gemeinde. Das Verhältniß zwischen Rabbiner und Gemeinde war stets ein contractliches; schon die Priester waren in ihren Einkünften vom Volke, die Rabbinen ganz und gar von der Gemeinde abhängig. Und wenn nun dahin gestrebt werden muß, daß diese Abhängigkeit niemals in eine Unterwürfigkeit ausarte und, wie die Gemeinde vor allen hierarchischen Uebergriffen, so die Cultusbeamten vor Willkür und Laune, vor Beschränkung in ihrer fteien Wirksamkeit gesichert werden müssen: so dürfen doch jene beiden Principien in dem Verhaltniß zwischen Gemeinde und Cultusbeamten nicht verletzt werden, ohne der Sache des Judenthums großen Nachtheil zu bringen. Allerdings wird dadurch den Gemeinden eine sehr große Last auferlegt. Es ist aber erfahrungsmäßig, daß die Theilnahme der Menschen für eine Sache mit dem Maße der Opfer, die sie für dieselbe zu bringen haben, wächst und hingegen erschlafft, sobald ihnen alle Beschwernisse erspart werden. Die Bequemlichkeit macht gleichgültig. Wenn also die jüdischen Gemeinden der Gleichheit wegen und um aus ihren Leistungen auch einen Vortheil zu schöpfen, auf Subsidien von Staatsseiten Anspruch machen, so sollte sich dies stets nur auf Unterstützung allgemeiner Anstalten für sämmtliche Gemeinden, wie der Seminare, allgemeinen Wohlthätigkeitsanstalten für die Juden des ganzen Staates oder der Provinzen sich beschränken, damit das religiöse Leben der einzelnen Gemeinden von oben herab unbeeinflußt bleibe. Wir haben die nachtheiligen Wirkungen der staatlichen Einmischung in die jüdischen Gemeinden genugsam erfahren; wir sahen bald Reformen, bald die orthodoxen Einrichtungen von Gensdarmen und Polizei eingeführt und auftecht erhalten, und mußten gegen beides protestiren. Wir sehen also, daß das Judenthum weder einen Kirchenstaat und eine Staatskirche, noch eine hierarchische Gliederung und Trennung der Cultusbeamten von der Gemeinde will und beansprucht, daß diese vielmehr theoretisch und praktisch ihm widersprechen, daß es vielmehr seinen Bestand und seine Kraft der Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und inneren Freiheit verdankt, daß es jene Institutionen den Kirchen überläßt, die darin ihre Wesenheit und ihr Heil finden, und daß die jüdischen Enkel berufen sind, das Erbe ihrer Väter innerhalb der Gemeinde unangetastet von außen zu erhalten. (Fortsetzung folgt.) Jean Paul und Emanuel. I. (Fortsetzung.) Reine Zuneigung hatte Richter zu Emanuel geführt; Verehrung und Liebe gab ihm dieser. Bald iadeß zeigte sich's, daß es für Jenen menschliche Wünsche gab, die zu beftiedigen Diesem die größte Lust war, und so wurde aus dem Herzensfteund zugleich ein Geschäftsfteund. Emanuel sorgte gelegentlich für Kleidung, Wohnung und Nahrung, für Papier und Federn*) Jean Paul's; in seiner Wohnung zu Bayreuth hatte der gastfreie Freund ein besonders „Jean Paul's Stübchen" zu seiner Aufnahme stets bereit; Jahre lang war er der Spediteur der beträchtlichen Sendungen von Bayreuther Bier nach Meiningen und Coburg, das für Jean Paul ein so unerläßliches Bedürfniß war, daß es ein nicht unbedeutender Beweggrund mit zur Uebersiedelung nach Bayreuth geworden. Unpraktisch fast in allen geschäftlichen Dingen, fand Jean Paul in Emanuel den kundigen Rathgeber und Helfer, namentlich in Geldangelegenheiten, so daß alle Wechsel und Wechselgeschäfte durch dessen Hände gingen. Eine Steigerung der fteundschaftlichen Begeisterung ttat ein, als Jean Paul sich vermählt hatte und den Freund erst durch Briefe, dann persönlich an seiner häuslichen Glückseligkeit Theil nehmen ließ. „Die Sprache hat noch kein Wort für die eigne Liebe geprägt, die man für die Geliebte seines Freundes hegt." Diese in herzlicher Verehrung für die Frau v. Oertels an Diesen geschriebenen Wotte konnte er sich in's Gedächtniß rufen, wenn er sah, wie Emannel's Seele schwelgte in achtungsvoller Hingebung an seine Gattin, und wenn er in deren begeisterter, ja andächttger Verehrung des Freundes die verstärkende zweite Stimme der eignen Liebe zu ihm *) Nicht für Tinte; diese bereitete Jean Paul eifersüchtig sich selbst und beschenkte den Freund damit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.