Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1863)
- Date
- 1863-03-10
- Page
- Seite 168 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Mal diesen Gedanken erfassend, wird er ihn auch verwirklichen und seinen Wunsch in Erfüllung bringen: unter den Tausenden, die ihn in seinen Bestrebungen stören, wird er gewiß einen finden, der ihm helfend zur Seite stehen wird, und diese kleine Hülfe ist für ihn hinreichend genug. Jetzt, nachdem er die Wichtigkeit der zeitgemäßen Bildung begriffen, dient er der Wissenschaft mit demselben Eifer, wie er sich früher verpflichtet hielt der Torah zu dienen; er erwirbt Schüler und belehrt sie selbst. Seine Lehre macht einen gewissen Fortschritt, da Alles, waö aus dem Herzen kommt, sich leicht einen Weg zum Herzen bahnt, und einem solchen Manne sind aus Erfahrung alle diejenigen Wege bekannt, auf welche seine Glaubensgenossen am ehesten zur zeitgemäßen Civilisation geführt werden können. Es gestaltet sich derart in irgend einer Stadt ein gebildeter Kreis, der es sich zur heiligsten Pflicht macht, die Bildung immer weiter unter seinen Brüdern, durch persönlichen Einfluß seiner Glieder, zu verbreiten. Die Fortschritte einer solchen Propaganda hängen fteilich viel von zufälligen Umständen ab: von der Bildungsstufe der herrschenden Bevölkerung, von der Unterstützung, die chnen die Regierung angedeihen läßt, von den persönlichen Eigenschaften der Propagandisten; wie es auch sein mag, dieser Fortschritt ist immer bedeutender, als die Bildung, die den Juden von Außen her angehängt wird, und man findet die Früchte dieser Propaganda viel reicher als die Früchte, die durch künstliche Wärme gchegt und gepflegt wurden. Erinnern wir uns an das Wirken eines Mendelssohn und seiner Jünger, und doch war sein Schaffen und Wirken blos von dem Einfluß der Personen und ihrer literarischen Schöpfungen bedingt und von keiner Macht unterstützt. Und wie still und ruhig wirkten diese Männer, Niemanden einen öffentlichen Krieg erklärend, und besiegten blos durch zeitgemäße Bildung die Finsterniß der Unwissenheit. Was Mendelssohn im vorigen Jahrhundert für die deutschen Juden gethan, geschah unlängst und geschieht noch jetzt in kleinerem Maßstabe in verschiedenen Theilen unseres Vaterlandes. Ueberall finden sich Missionäre der Bildung, die sich selbst gebildet haben, und dann mit aller Energie, deren die Ueberzeugung nur fähig ist, die Bildung unter ihren Glaubensgenossen verbreiten, indem sie einen größer» oder kleinern Wirkungskreis haben, je nach ihren Kräften und Fähigkeiten; die jüdische Sprache (der Jargon) dient diesen Sendboten als bestes Mittel zur Erreichung ihres Zweckes, da sie allen ihren Glaubensgenossen verständlich ist und sie selbst diese Sprache in der frühesten Kindheit sich aneigneten, daher sie darin gewandter sind, als in den neueren Sprachen, welche sie gewöhnlich erst spät zu erlernen anfangen. Diese ersten Sendboten der Bildung sind gewöhnlich auch die Repräsentanten der neuhebräischen Ltteratur. Merkwürdig ist es, daß die russischen Juden den ersten Impuls zur Bildung von Deutschland empfingen, dem sie größtentheils viel näher sind als ihrem Baterlande, und mit dem sie durch Geschäfte enger verbunden sind, als mit dem inner» Rußland, welches erst jetzt sich ihnen zu erschließen angefangen hat. Die deutsche Bildung drang zu den russischen Juden auf zwei Wegen: durch die preußische Grenze und Kurland nach Litthauen, wo die gebildeten Israeliten von ihren Glaubensgenosien „Berliner" benannt wurden, und durch die österreichische Grenze nach Wolhnien und Odessa, wo die gebildete Klasse als „Brodyer" bezeichnet wurden. Die Bildung der Israeliten hatte daher anfangs in vielen Orten unseres Vaterlandes einen jüdisch-germanischen Charakter und bis jetzt noch empfangen. Die Kinder, zum großen Theil, den ersten Elementarunterricht in diesem Geiste; erst später gehen sie zur russischen Sprache und Literatur über. *) Die jüdisch-deutsche Bildung hatte und hat noch jetzt bei uns zwei Centrums: — das eine in Wllna und einigen andern Städten Litthauens, das zwette — in Odessa und noch einigen Ortschaften Wolyniens. Alle jene Männer haben gerechten Anspruch auf unsere Achtung: sie arbeiten nicht des Ruhmes wegen — Niemand, mit Ausnahme der Juden, kennt sie, — nicht des Reichthums wegen — denn ihre Schriften ruiniren sie eher, als sie sie bereichern, und sie führen ein sehr trauriges Leben, — aber zum Nutzen ihres Volkes, und dieser Nutzen ist unzweifelhaft. Indem sie durch ihre Werke auf einen großen Kreis wirken, verbreiten sie die Bildung auch im engern Kreise als Erzieherin der Jugend, und diese trennt man nicht von der Corporation der „Melamdim" (nicht priveligirte Lehrer), die man bei uns so rücksichtslos verurtheilt. Die literarische Thätigkeit dieser Männer erscheint in zwiefacher Form. Sie wirken aus ihre Glaubensgenossen durch gelehrte, belletristische und poetische *) Eine Ausnahme bildet einigermaßen das Poltawer Gouvernement, in dem die Bildung der Israeliten von Anfang an auf russischem Boden emporwuchs. —