Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1863)
- Date
- 1863-03-10
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226376--21065-3300940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
160 die maßlose Bewunderung, welche dieser eigenthümliche Dichter zu seiner Zeit fand, sich vielfach abgekühlt hat, ja man in seiner Beurtheilung eine viel zu scharfe Kritik gellend gemacht hat: so wird er doch stets als einer der reinsten und edelsten Hohenpriester der Humanität, deS Gottglaubens und der Unsterblichkeitslehre verehrungswürdig bleiben, sein tiefes Gefühl für alles Schone und Edle, sein unübertroffenes Talent, die zartesten Regungen des menschlichen Gemüthes zum Ausdruck zu bringen, die vollste Anerkennung verdienen. Ja, gerade unsere Zeit in ihrer Schroffheit, in ihrer Selbstüberschätzung, in dem frechen Hervordrangen alles Gemeinen und Heuchlerische», das in der Zeit jener deutschen Geisteshelden sich nimmer an die Luft wagte, bedurfte wohl am meisten darauf hingewiesen zu werden, noch einmal an den unerschöpflichen Quellen unserer klassischen Periode zu schöpfen, und nicht am wenigsten an dem herrlichen Born Jean Paul's. Zur Feier dieses 21. März erschien soeben, herausgegeben von Jean Paul's Schwiegersohn, Ernst Förster, der erste Band von „Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Friedrich Richter." Die erste Abtheilung dieses ersten Bandes (319 S. München 1863) enthält den Briefwechsel Jean Paul's mit Emanuel Osmund, der sich von 1794 bis 1825, dem Todesjahre Jean Paul's, erstreckte. ES war nicht unbekannt, daß Jean Paul eine innige Freundschaft mit Emanuel, einem israelitischen Geschäftsmann in Bayreuth, der ftüher Emanuel Samuel junior sich unterschreibt, pflegte. Wie bedeutsam für Beide, wie fest und zart aber dieses Freundschaftsbüudniß in Wirklichkeit gewesen, geht erst aus diesem Briefwechsel hervor, wodurch dann dieses Berhältniß auch ein gewisses allgemeines Interesse erhält. Hat man bis jetzt mit Beftiedigung auf die Freunvschaft hingewiesen, welche Lesfing und Mendelssohn verband, nunmehr reihen wir an diese auch die Freundschaft Jean Paul's und Emanuel's, die zwar nicht so wichtige und erfolgreiche literarische und kulturhistorische Momente, wie jene, bietet, aber ein desto innigeres Seelenleben, ein wahrhaft ideales Berhältniß darbietet. Heben wir zunächst hierüber das Wichtigste aus dem Vorwort des Herausgebers hervor. Zu den hervorstehendsteu Zügen im Charakter Jean Paul's gehört seine hohe Begeisterung für Männer- Freundschast, wie er sie in seinen Werken, im Hesperus zwischen Victor und Flamin, im Siebenkäs zwischen Siebenkäs und Leibgeber, u. a. a. O. geschildert. Und wie bei ihm Kopf und Herz, Denken und Leben eins war. und seine Ideale gleich dem Rhein zwei Quellen entsprangen, der Phantasie und dem Gemüth, so war die in seinen Dichtungen geschilderte Freundschaft seiner Seele heißes und heiliges Bedürfniß. Das seltene Glück der Erfüllung solcher scheinbar nur in einer idealen Welt zu verwirklichender Wünsche erfuhr Jean Paul schon in feinen Jünglingsjahren; und es ist ihm treu geblieben bis in die letzten Tage seines Lebens. Ja, er hat nicht nur mehr als irgend Einer innige Freundschaftsbündnisse geschlossen, sondern es ist auch keines derselben, außer durch den Tod, gelöst worden. Aus der Lebensbeschreibung Jean Paul's wissen wir, daß er mit dreien seiner Altersgenossen in ein so nahes Freundschafts-Verhältuiß getreten war, mit Adam Lorenz v. Oerthel aus Töpen bei Hof, mit Hermann aus Hof und mit Christian Otto ebendaher. Die ersten Beiden hatte der Tod früh heimgesucht; Otto überlebte den Freund. In späteren Jahren schloß Jean Paul mit Friedrich Heinrich Jacobi, und noch später mit Joh. Heinrich Boß, einen Freundschaftsbund, dessen literarische wie moralische Bedeutung in einer langen Reihe von Briefen einen bleibenden Ausdruck gefunden. Aber lange vor Diesen hatte Jean Paul in Emanuel einen Menschen gefunden, wie ihn seine glühende Phantasie als Ideal eines Freundes aufgestellt, dem er sein ganzes Herz und Leben auffchloß, und an dem er mit einer an Frauenliebe grenzenden, ja sie Lberbietenden Schwärmerei hing. Emanuel (mit dem später« Familien-Namen) Osmund, war ein israelitischer Geschäftsmann in Bayreuth. Jean Paul lernte ihn zuerst aus Briefen an eine Freundin und aus deren Mittheilungen kennen, und sah ihn zuerst 1797*) in Hof. Die Schönheit seiner Gestalt und Züge, der Adel seiner Gesinnung und seines ganzen Wesens, machten schon bei der ersten Bekanntschaft einen tiefen Eindruck auf Jean Paul, und wie mangelhaft noch die Bildung, wie unvollkommen die (mit vielen Sprachunrichtigkeiten behaftete) Ausdrucksweise des jungen Mannes war, Jean Paul erkannte in der rauhen Schaale den edlen Kern und den ganz sympathischen Geist und Charakter. Die Freundschaft, von Emanuel anfangs mit schüchterner Zurückhaltung angenommen, wuchs schnell und kräftig empor. Der neue Freund konnte dem alten nicht *) Muß, wie aus den Briefe» hervorgehl, 1794 heißen. ( r l t t