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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-03-10 · Heft 11 (10.3.1863) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 11 (10.3.1863)
Date
1863-03-10
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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158 Stamme dieser Lander, unter denen sie wohnen, haben sie erstlich nach Cnlturentwickelung zu streben, und in ihrer Masie noch die Periode durchzumachen, welche ihre westlichen Glaubensgenossen seit einem Jahrhundert zuruckgelegt haben. Bis zur neuesten Zeit in drückendster Ausschließung gehalten, liegt es ihnen zweitens ob, nach dem Staatsbürgerthum, also nach der Gleichberechtigung zu ringen, und, da sie dieses nur von den bestehenden Regierungen zunächst zu erlangen haben, um so mehr Veranlassung, sich das Wohlwollen dieser zu erwerben und zu erhalten. Nichtsdestoweniger liegt es drittens in der Natur der Sache, daß sie, mit jedem Schritte aus ihrer alten Umzäunung heraus, darauf hingewiesen sind, an dem Leben der Nation, in deren Mitte sie existiren, in deren Gebiete sie ihre Heimath haben, deren Land ihr Vaterland ist, Theil zu nehmen, ihre Sprache sich anzueignen, ja sich allmälig zu nationalisiren. Diese drei Aufgaben zusammen sind aber der schwierigsten Art, stehen sich zum Theil geradezu gegenüber und bringen eine fast unerträgliche, jedenfalls schädliche Stellung, eine Art Zwitterwesen für sie hervor. Schon das allgemeine Culturstreben steht mit der einseitig wuchernden Nationalität vielfach in Widerstreit. Die Civilisation ist kosmopolitischer Natur; sie bedient sich der Nationalität, um an ihr empor zu ranken, um an ihr einen kräftigen Träger zu haben, aber wie sie allerdings die edelsten Kräfte der Nationalität für sich in Anspruch nimmt, um zu glänzenden Resultaten zu kommen, so wird sie im Gegentheil von der überwuchernden Nationalität erstickt und die letztere, wenn sie sich feindselig von der übrigen Welt abschließt, geht jedenfalls rückwärts. Hierzu kommt nun, daß alle jene östlichen Nationen, was man auch sage, in der Cultur zurückgeblieben sind, und daß daher, wie selbst für sie, so noch ganz besonders für die Juden das wesentliche Medium der Cultur in den west- und mitteleuropäischen Sprachen, Literaturen und Culturzuständen liegt. Die Juden in den polnischen, magyarischen, rumänischen u. s. w. Ländern sind daher betreffs ihrer Entwickelung unleugbar immer wieder auf den Westen hingewiesen, und würden, wenn sie sich von diesem abwendeten, in noch größeres Dunkel verfallen, als aus dem sie herausstreben. Es halte dies Niemand für blos theoretische Voraussetzung oder gar Ausspruch ausländischer Befangenheit. Das noch wachsende Umsichgreifen des Chassidismus in Polen, Rußland, Ungarn und den Donaufürstenthümern giebt den factischeu Beweis ab. Der Chassidismus ist das des Entwickelungstriebes in den Jude» jener Länder innerhalb des abgeschlossenen dortigen Nationallebens. Wo die Juden jener Länder von der westlichen Cultur unberührt blieben, har der Chassidismus seine Wurzel geschlagen; soweit sie von dieser unberührt bleiben, treibt er seine Zweige und Aeste in wucherischer Fülle, seine Granzen aber findet er, sobald sich die westliche Civilisation unter den dortigen Juden Bahn bricht. Die polnische, magyarische :c. Nationalität vermag bei ihrer eigenen mangelhaften Entwickelung, bei den Juden dem Chassidismus keinen Widerstand zu leisten. Die Nationalisirung der Juden in jenen Ländern hat nun aber eine zwiefache Schwierigkeit in den Juden und in jenen Nationen selbst zu überwinden. Die Juden sind in die östlichen Länder aus dem Westen und zwar aus Deutschland eingewandert. Sie hatten sich in Deutschland bereits nationalisirt, und zogen daher germanisirt in den Osten ein. Von Anfang an hier zur Ausschließung und Jsolirung verurtheilt, behielten sie die deutsche Sprache in ihrem Grundtone bei, und wie die religiöse Sitte und der ererbte Brauch, so schied auch die Sprache die Juden von den östlichen Nationen. Wenn auch die geographischen und nationalen Verhältnisse wesentliche Einflüsse auf die dortigen Juden übten, so daß sie von den deutschen, ftanzösischen rc. Juden sich in Charakter und Erscheinung sehr unterscheiden, und in der Tiefe jenen Nationen sich sehr genähert haben, so blieben doch genug Unterscheidungselemente übrig. Dieses wichtige Residuum der Vergangenheit in den Juden des Ostens macht ihnen daher, wie jeder Unbefangene leicht einseh en wird, beim besten Willen in der Nationalisirung die größte Schwierigkeit, da hier Gewohnheit, väterliche Sitte und selbst religiöse Gefühle im Spiele sind, Dinge, die nicht so leicht zu überwinden sind, wie die einseitigen Radicalen und Nationalen meinen. Und wenn nun von jenen Nationen den Juden noch ein auftichtiges Entgegenkommen widerfahren möchte! Aber nein! in der Stunde der Gefahr, wo sie der Juden bedürfen, da schwärmen sie für Brüderlichkeit, Ausgleichung, Aufnahme in den Schooß der Nation, und wie die schönen Phrasen klingen. Sobald aber jene vorüber ist, oder im Gleichmaß der Tage, da stoßen sie die Juden mit aller möglichen Verachtung und Schonungslosigkeit zurück, erklären sie für Fremde, behandeln sie feindlich, und wollen sie unter dem alten Drucke erhallen oder unter denselben zurückbringen. So treten sie an die jüdische Masse mit dem abenteuerlichen Verlangen, sie solle sich mit einem Schlage

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