Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-07-12 · Heft 83 (12.7.1838) · p. Seite 338

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 83 (12.7.1838)
Date
1838-07-12
Page
Seite 338 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3224856-3224940--01149-3300934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

358 Thema zu weittreibt, so muß man doch gestehen, daß die „g erü h rtcn Moral-Predigten mit den orthographischen Gesängen" wie sie Heine persistirend nennt, flach und nichts sagend gegen Plesner's inhaltsreiche Reden sind. Ein hiesiger hoher Gelehrter, dem ich einige Reden PlesnerS (unter anderen auch eine für roviür. reu?, die über die Feier des 2"^ mv spricht) sagte voll Bewunderung von ihm, er sei der Schleiermacher der Juden. Aber gewiß sagt dies noch zu wenig: in PleSner ist nicht eine Spur von der Schleiermacherschen Herbheit des Geistes, obgleich sonst der Vergleich treffend ist. Plesndr hat Wärme und Fülle bei scharfem Geist und philosophischem Blick, dabei ist seine Belesenheit in der Rabbinischen Literatur fast ohne Gleichen, sein Geist bewundernswürdig auch an Stoff. (Es sind von Berlin aus allein fast dnttchalb hundert Predigten von ihm, gedruckt erschienen und noch immer producirt er aufs Neue °). ES ist demnach fast unmöglich, daß Berlin diesen Mann so verkennen sollte, daß es in der Ferne suchen sollte, waS es selbst sein eigen nennt; d. h. einen Mann, der es ernst mir Erhaltung der Religion und mir Heranbildung der Juden zu derselben meint. Es laßt sich demnach der Schluß ziehen, daß es um einen Reformator zu thun ist, und auch hier wüßte wol keiner bessere Repräsentanten als sie in Berlin dastehen. Da sind Männer von Wurde und Ernst, die nach ihrer Weise Wahrheit sprechen. Wir haben Di. I 0 st erst unlängst verloren; aber wir haben den Grundgelehrten Dr. Zunz, den populären, freimüthigen vr. Auerbach, der in derThat sehr schön geordnete Reden halt, in denen er sowol seine Bibelkenntniß wie auch seine Einsicht in das Judenthnm trefflich zu benutzen wciß. Er schlagt durch Citate und strenge ernste Worte. Er greift offen an, sagt, daß die bisherigen Gebete nicht erbauend sind, will sie geändert wißen, und ob er gleich in das Privatleben nichteingreifen mag, so spricht er demNationaliSmuSim strengen Sinne offen das Wort und zeigt sich wie er ist; ein für Reform des Judenthums frei begeisterter Mann. Was, ich wiederhole die Frage: was soll der neu aufzunehmende Rabbiner für Berlin fein ' Ich höre aber schon, was man mir zur Antwort gibt. Berlin will einen Mann, der alles in sich vereinigt, was es getrennt im höchsten Grade besitzt, und in Wahrheit, mit dem wäre die Frage: was? sehr gut beantwortet, wenn nicht in diesem Falle das wer? nur um so unlöslicher ist. Ein Mann, der alles in sich vereinigt! Ich kenne jene Zwittergestalten, die solche Vereinigung gefunden zu haben vorgeben. Ich will von den Kenntnissen schweigen, schon diese sind fast unerreichbar, doch nicht unmöglich; aber wie sicher eS mit der Ueberzeugung und der Ehrlichkeit? Wer soll dieser Rabbiner sein? fragt man gewiß mit Recht, etwa Einer derjenigen, die da den jesuitischen Grundsatz haben: wir müssen uns erst ein Aemtchen erlügen, dann wollen wir die Welt mit Wahrheit erleuchten! Etwa Einer derjenigen, die da die Augen zwicken und meinen: bis wir ein Amt haben, trinken wir keine Milch, die nicht positiv in Gegenwart eines Juden gemelkt, um, wenn wir ein Amt bekommen, sagen zu dürfen, daß die fünf Bücher Moses Menschenwerk sind. Wahrhaftig, eS ist weit genug gekommen in Israel, daß man in jenen bleichen frömmelnden Grimaffen mit dem Gottesfürcluigen Kappelchen und mit Gelehrsamkeit, auS Vokabeln und Jahreszahlen bestehend decorirt, weny man in diesen Grimaffen, die eher den Untergang unserer ehrlichen Ueberzeugung bilden, den Aufgang unseres religiösen Lebens sehen soll; aber in der That entsetzlich wäre es, wenn man von dieser wurmstichigen Klaffe heraus sogar für Berlin denRabbincn suchen sollte, der Alles verbindet, der so zu sagen zwei rechte Hände har. — Wer ist der ehrliche religiöse Mann, der offen und grade jenen Zwiespalt zu heilen im Stande ist, welcher in dem Judenthum so mächtig eingcriffen? Wer ist der Mann, der den Schlüssel zu dem Geheimniß hat, das entweder;t)ic Lösung oder Auflösung des Judenthums umhüllt? — Ich könnte fortfahren und Namen anführen, ja Thatsachen als sprechend bezeichnen, wie jene Klaffe äußerlicher Frömmler *) Warum aber befleißigt sich Herr Plessner nur in der Schritt, nicht in dem Vorträge der reinen deutschen Sprache, und laßt dadurch seinem Vortrage Mangel, die Tausende zurückschrecken? Eine Würdigung s eurer Vorträge wird nächstens das Beiblatt bringen, Red. sich gegenwärtig drängt und drückt und sich in den Geruch der Heiligkeit zu setzen strebt, um nur ein Amt zu erhaschen: doch ich weiß wol der Eifer des Einzelnen hilft wenig, und schweige, wenn ich auch gestehenwill,mit bitteren Herzen. Genug einRabbine wird ausgenommen werden, und ich will zufrieden sein, wenn eS nur ein ehrlicher Mann ist, d. h. der so erscheint, wie er denkt.— Ich zweifle nicht, daß Sie bald Berichte über die gute Aufnahme, die der neue Rabbiner, — er sei wer er wolle — hier gefunden hat, erhalten werden; so viel ist gewiß: er wird die ersten zwei Sonnabende Mode sein; ja ich kann Ionen sogar voraus sagen, daß Christen und getaufte Juden (wol zu unterscheiden) sich in der Synagoge drängen werden, um ihn predigen zu hören, d. h. den ersten; für den zweiten und dritten mögte ich nicht gut auf ein großes Publikum Bürge sein; wol aber für den vierten auf das Gegentheil. — Indem ich hier meinen Bericht abbreche, mögte ich schließlich ein paar Worte über die Streitfrage der Posener wegen des Rabbiners und der Ansprüche des Rabbi Salomon Eg er hier einfließen laffen. Obgleich das Thema nicht ein lokales ist, so gehört cs insofern doch hier in diesem Bericht, als das Urtheil dev hiesigen Rabbinats für Herrn S. Eger spricht, und so vor einiger Bei? in Ihren Blättern angegriffen war. Meines Erachtens verhält sich die Sache folgendermaßen. Alle Wurden und Aemter im Judenthum sind entweder auflösbar von Seiten der Gemeinde oder nicht, je nachdem man den Beamten angenommen oder anzunehmen pflegt. Mit der Rabbinarswürde verhalt cs sich demnach — wie sagt (und zwar im Sinne des Q 2m) — dergestalt. Ist eS Sitte in irgend einer Stadt, daß man den Rabbi nur auf eine bestimmte Zerr aufnimmt, so hat die Gemeinde daö Recht, nach bestimmter Zeit ihn abzusetzen, herrscht diese Sitte aber nicht, so ist stillschweigend ein Rabbiner immer so ausgenommen, daß die Gemeinde ihn nicht absetzen darf. (Natürlich vorausgesetzt, daß sich nichts Unwürdiges und ihn religiös Entehrendes an ihm findet?. — Von diesem, unabweislichen Anrecht auf das Rabln'nat bangt aber die Erblichkeit desselben ab, d. h. wenn der Rabbiner stirbt, und einen würdigen und fähigen Sohn lunterläsit und nun ein Rivale aufnitt, so gebührt, wenn Zweifel in der Gemeinde entstehen, dem Sohne des Verstorbene der Vorzug! Jedoch ist dies nur der Fall, wenn der Verstorbene unabsetzlich war, war der Verstorbene aber absetzlich, so kann der Sohn nicht erben, weil dieser natürlich nicht auf Etwas Ansprüche machen kann, was dem Vater selber hätte verweigert werden untren. Fragt man demnach auf die Ansprüche des Rabbi S. Eger, so muß man erst wi'"en, ob der verstorbene Vater absetzlich oder nicht war, und nach dem ist sein Anspruch richtig oder unrichtig. So viel steht gewiß, der Rabbi Akiba Eger war nicht absetzlich und daher haben, die alten Rabbinen sehr recht gcurtheilr, der Sohn hat rechte Ansprüche. - So weit in Bezug auf Den pD3;vin Der LHatsache selber aber, d. h. auf Posen, tritt ein ganz anderes Vcrhaltniß ein. Der ganze des bevorrechteten Sohnes ist oder kann nur Statt finden, wenn ein Zweifel eintritt, ob man den oder einen andern, ja Gelehrteren aufnehmen soll, die Gemeinde in diesem Zweifel sich um den j-h bekümmert und ohne besondere Abneigung nach dem verfahren will. Ganz etwas anders ist aber, wenn eine Gemeinde in gerader voller Abneigung gegen den Sohn des Vorstorbenen ist, da darf der Rabbi gar nicht ausgenommen sein wollen, ja ein jrn darf nicht einmal verbeten, wenn solche Abneigung nur Einzelner herrscht, geschweige die einer halben Gemeinde. Ich bin der Ueberzeugung, daß die *ro }*o*n es ein gestehen, daß von Gewalt gar nicht die Rede sein darf, auch würden sie gewiß so berichtet haben', wenn man sie hierum gefragt hätte. Freilich wie man die Frage stellte, konnten sie nicht anders als dem rmn pi zufolge, Dem ^>ohn das Vorrecht zusprechen •). Bis auf fernere Berichterstattung. Ihr R. '1 Wir werden in nächster Zeit noch einmal auf diesen Gegenstand zurückkommen. D. R e d a c t. Redacteur Dn. V. Philipps-». — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I . B Hirschfeld.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.