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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-03-03 · Heft 10 (3.3.1863) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 10 (3.3.1863)
Date
1863-03-03
Page
Seite 146 (sequence 6)
Language
German
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146 Correspondenten ausgesprochenen Meinung: daß die Zukunft des galizischen Iudenthums auf der studirenden Jugend daselbst beruht — aufs Energischste zu widersprechen. Gott möge uns wahrlich davor behüten, daß die künftige Generation nach Muster der studirenden Jugend Galiziens beschaffen sei; denn wir wollen es zu unserem großen Leidwesen nicht verhehlen: die studirende Jugend Galiziens zeichnet sich durch einen krassen JndifferentismuS gegen alles jüdische Interesse und durch eine jämmerliche Unwissenheit im jüdischen Schriftthume vor der Jugend aller anderen Länder bedeutend aus, und es ist dieses auch die Ursache, daß dieselben nicht die nämliche Unterstützung von ihren Glaubensgenossen erhalten. Im Ganzen genommen liegt übrigens die Schuld nicht bei ihnen selbst, sondern bei deu angestellten Religionslehrern, die ihre Pflicht nicht gerade gewissenhaft erfüllen; außerdem walten bei jedem dieser Herren besondere Interessen vor: Einer ist zu neu-romantisch gesinnt und scheut sich seinen Schülern Grätz' Geschichte der Juden vorzutragen, damit dieselben nicht von dem darin befiudlichen ^>2->'!p''err angesteckt werden; der Zweite, der nur durch Kniffe zu seiner Stelle gelangt ist, sucht sich bei seinen Zöglingen dadurch beliebt zu machen, daß er mit ihnen so wenig als möglich lernt, und endlich bei einem Dritten ist die Sache mehr nur Geschäft und kümmert ihn die Religion der Jugend wirklich sehr wenig. Möchten doch Männer, die dazu berufen sind, diesen Zustand reformiren und die nöthigen Schritte zur Verbesserung machen, da es schon jetzt arg genug mit der hierländischen Jugend in Bezug ihres Judenthums aussieht. Die Zeitschrift „Hamwasser" in Lemberg hat nach einer kurzen Unterbrechung wieder zu erscheinen begonnen, leider können wir dem Blatte kein langes Leben versprechen, denn die Gesinnungen der Redaction widersprechen offenbar denen der Leser im Allgemeinen, und betonen wir namentlich die Gefühle in Bezug des polnischen Aufstandes, welche nicht sehr erhaben sind. Literarischer Wochenbericht. Petersburg, im Februar. Ueber die Handschriftensammlung wird folgendes Nähere mitgetheilt. Die russische Regierung hat auf kaiscrl. Befehl eine berühmte Sammlung karaitischer Schriften angekauft und sie sind der kaiserl. öffentlichen Bibliothek als Eigenthum übergeben, nachdem sie vorher von verschiedeuen Gelehrten geprüft worden, deren Urtheile dahin lauteten: daß diese Sammlung nicht nur für die Kritik des Textes der heil. Schrift, sondern auch überhaupt für Paläographie und Chronologie und außerdem noch für die Geschichte des südlichen Rußlands von großer Wichtigkeit sei. Der karaitische Gelehrte Abraham Firkowitsch hat über 30 Jahre 'eines Lebens der Sammlung dieser seltenen Handschriften gewidmet. Schon während seines Aufenthalts in Konstantinopel gelang es ihm, einige kostbare hebräische Codices zu erwerben, und seit jener Zeit nährte er die Hoffnung, noch ältere und kostbarere aufzufinden. Der Realisirung dieser Hoffnung opferte er sein Vermögen; er ertrug die lange Trennung von seiner Familie, er unterzog sich allen möglichen materiellen Entbehrungen und nicht selten auch großer Gefahr für sein eignes Leben. Herr Firkowitsch hat die Krim und den Kaukasus nach allen Richtungen durchwandert und durchforscht; er hat Monate lang auf Kirchhöfen gelebt, um die alten Handschriften zu studiren und zu copiren; er ist in Synagogen und in Orte eingedrungen, wo die Juden bei feindlichen Ueberfällen ihre Bücher aufzubewahren pflegten; er hat sich auf seinem mühevollen Wege durch keinen Kampf mit Fanatismus und Rohheit ermüden lassen. So sind 124 hebräische Originalcopien des Alten Testaments zusammengekommen, die älter sind, als alle anderen hebräischen Codices, welche in den Bibliotheken des übrigen Europa's aufbewahrt werden. In der Sammlung des Herrn Firkowitsch sind 25 Handschriften vor dem neunten und 20 vor dem zehnten Jahrhundert geschrieben. In Betreff von 5 Handschriften auf Leder kann man entschieden behaupten, daß sie die ältesten von allen bisher in der Welt entdeckten Urkunden über das Wort Gottes sind. Die ganze Sammlung des Herrn Firkowitsch besteht: 1) aus 47 Rollen des Pentateuch auf Leder und Pergament; 2) aus 77 Codices der heil. Schrift; 3) aus 33 Uebersetzungen in allen möglichen Sprachen; 4) aus 272 Werken karaitischer Schriftsteller; 5) aus 523 Werken rabbinischer Schriftsteller; 6) aus 250 verschiedenen Akten, historischen Briefen und Artikeln; 7) aus 722 Grab-Inschriften; 8) aus etwa 300 Documenten, welche die Geschichte der Karaim im westlichen Rußland betreffen, und 9) aus etwa 300 alten Planen verschiedener neurussischen Städte. Die Regierung hat Herrn Firkowitsch für diese Sammlung die Summe von 100,000 Silber-Rubel bezahlt.

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