Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1863)
- Date
- 1863-03-03
- Page
- Seite 145 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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145 Ziemialkowski an jenem Tage, da es galt, ihr den jüdischen Wählern gegebenes Wort einzulösen?" Wir haben hier diese sonderbare Verhandlung per longum ei lalum mitgetheilt, wie sie uns durch eine sehr verbreitete Wiener Zeitung zur Kenntniß gekommen ist; natürlich nicht in der Absicht, um dagegen zu polemisiren— eine Widerlegung dieser Donquixotiaden gehört eher in das Gebiet des „Figaro" als in das eines ernsten Blattes, und dieses humoristische Blatt hat diesmal in anerkennenswerther Weise seine Schuldigkeit gethan und die hohe Weisheit eines löbl. Lemb. Gemeinderathes auss Ergötzlichste persiflirt;*) wir wollten nur in diesem „Organ für alles jüdische Interesse" zu den vielen darin angehauften Materialien für die künftige Geschichtsforschung noch ein historisches Document hinzufügen. Der künftige Geschichtsforscher wird es kaum glauben, daß zu derselben Zeit, als die Polen jenseits der Weichsel die größten Anstrengungen machten, um die Freiheit ihrer Nation von der rnssischen Herrschaft zu erkämpfen, diesen also sehr viel daran gelegen sein muß, die öffentliche Meinung — ich sage nicht die der Juden, die doch auch etwas in der Oeffentlichkeit zahlen — für sich zu gewinnen, ihre diesseitigen Brüder — die doch moralisch an diesem Kampfe auf Tod und Leben theilnehmen — nichts Klügeres zu thun fanden, als ihre autonome politische Thatigkeit durch Ausschließung und Verhöhnung ihrer Mitbürger, der Juden, zu inauguriren. Wie kann man von den Juden Anhänglichkeit an und Eingenommenheit für die polnische Nation verlangen, wenn gleich die ersten Schritte ihrer gemeindlichen Selbstregierung die kraffeste Intoleranz zur Folie haben? — Hoffen wir indeß, daß die Ansicht der liberalen Wiener Journale eine richtige sei, daß nämlich die einseitigen Beschlüße eines Gemeind erathes die Principien der Gleichberechtigung wie sie aus dem erhabenen Willen Sr. Majestät entsprungen, von dem hohen Lenker unserer inneren Staatsangelegenheiten zu wiederholten Malen verheißen und vom Reichsrathe festgestellt worden, zu alteriren nicht im Stande sein werden. Die Juden aber mögen dieses all notam nehmen und sich in Zukunft darnach richten. Timeo Danaos ac dona ferenles. Nachschrift. Einer Mittheilung der Bresl. Ztg. von der polnisch-russischen Grenze zufolge, ist der Bandenführer Leo Frankowski, einer der Hauptagitators der polnischen Bewegung, von deffen Gefangenuehmung in der Gegend von Zawichost jüngst die Zeitungen berichteten, ein jüdiscker Deutscher; Namens Frank, Schwiegersohn des in Haft befindlichen bekannten Epstein. Krakau, den 10. Februar. Der im benachbarten Königreich Polen ausgebrochene Aufstand übt leider sowohl auf die daselbst besindlichcn Israeliten als auch auf die der hiesigen Gemeinde einen sehr großen Einfluß aus. Denn abgesehen von den großen Verlusten, welche dieselben schon dadurch erleiden, daß so mancher von ihren Schuldnern auf dem Schlachtfelde sein Leben lassen wird, sind sie weder ihres Eigeuthums noch ihres Lebens sicher; und sind es namentlich die siegenden Russen, die über die wehrlosen Israeliten barbarisch herfallen, sie plündern und tödten. Wir nennen nur unter anderen die Städte Tomaszow und Wolbraum, deren Bevölkerung aus Juden besteht, welche von den Russen eingeäschert wurden. Ob es den dort wohnenden Israeliten gelungen ist vor der Einäscherung zu entfliehen, konnten wir bis zur Srunve noch nicht in Erfahrung bringen. Im Allgemeinen ist die Stellung der Israeliten der Insurrektion gegenüber eine sehr schwierige, denn einerseits mahnt die Unterthanenpflicht zum Gehorsam gegen die herrschende Gewalt, andererseits ist es aber die schuldige Dankbarkeit, den Polen gegenüber, die schon vor einigen Jahrhunderten so edel waren, den von allen Ländern verbannten Israeliten gastfreundliche Aufnahme zu schenken und ihnen eine erträgliche Stellung zu bereiten; es schadet sich außerdem so Mancher für die Zukunft, wenn er sich nicht, entweder direct auf dem Schlachtfelde, oder indirect durch pecuniäre Unterstützung an dem Ausstande betheiligt. Es ist natürlich, daß der Pole dem theilnahmlosen Israeliten nichts anderes zurusen kann, als: „Ihr verlangt von uns Sympathie, Brüderlichkeit, Gleichberechtigung, und wenn es dazu kommt, daß wir uns in Roth besinden und einer allseitigen Unterstützung bedürfen, gerirt ihr euch als Fremde." Und wahrlich, wie wir hören, haben viele junge Leute, um diesen Vorwurf entgegenzutreten, sich bereits der Insurrektion angeschlosscn und es fand so mancher jüdische Student neben seinem christlichen Collegen für die polnische Freiheit seinen Tod! Jüdische Studenten betreffend können wir es nicht unterlassen, der in No. 7 d. Bl. von einem Lemberger *) Siehe Jüdisches Volksblatt No. 10.