Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1863)
- Date
- 1863-02-24
- Page
- Seite 135 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226374--21038-3300905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
135 gramm: Die jüdischen Gemeinderäthe sind von der Mitberathung des Gemeindeftatuts unter Protest zurückgetreten. Rodakowski's Antrag, die judenfeindlichen Bestimmungen zu streichen, wurde einstimmig verworfen.. (Schluß.) Aus Südungarn, 15. December. (Privatmitth.) Der Passus über die Juden aber wurde von A. v. Tresort in seiner Berichtigung folgendermaßen angegeben : Die Inden hingegen bilden in Ungarn eine ganz besondere gesellschaftliche Gruppe. Diese Gruppe vollkommen zu studiren und zur Kenntniß zu bringen, wäre eine nützliche Arbeit, sowohl für die Juden selbst, als auch für die ganze Gesellschaft. Es fragt sich, ob die Juden in Ungarn so sind, wie anderswo. Ich glaube, daß sie einen speciellen Charakterzug haben, und zwar den bemerkenswerthen, daß sie, obgleich sie trotz ihrer Anhänglichkeit an ihren Glauben und ihre allen Sitten überall die Sprache der betreffenden Heimath angenommen und ihre eigene Sprache vergessen haben, in Ungarn dennoch mit wenigen Ausnahmen Deutsche sind, deutsch sprechen, deusche Bildung besitzen. Ferner werden sie anderswo und hauptsächlich in Deutschland für ein revolutionäres Element gehalten; in Ungarn ist der Jude conservativ, der Anhänger jedes bestehenden ststus quo. Davon abgesehen, haben die Juden in Ungarn dieselben Eigenschaften wie diejenigen in Deutschland: Scharfsinn, ein besonderes Talent zum Handel und Geldverkehr, großen Fleiß und Ausdauer, Energie in Bekämpfung der Hindernisse, Wohlthätigkeit, Solidität in den Familienverhältnissen; hingegen schwaches Ehrgefühl, Oberflächlichkeit, Eitelkeit, Aversion vor schwerer physischer Arbeit, Mangel an Reinlichkeit. Wenn wir übrigens von den Fehlern und Tugenden der Juden sprechen, so müssen wir vorausschicken, daß es auch unter ihnen zahlreiche Individuen giebt, die mll der christlichen Gesellschaft innerhalb verschmolzen sind, unsere Tugenden und Fehler besitzen, und mit dem specifischen Judenthum nur dem Namen nach verbunden sind; ferner, daß es auch unter den Juden höhere und niedere Klasien giebt, die von einander sehr verschieden sind. Die der reicheren und höheren, gebib deteren Klaffe angehörenden Juden sind hauptsächlich Kaufleute und BanquierS, und zwischen diesen und den christlichen Kaufleuten giebt es keinen wesentlichen Un terschied, hier sind die guten und schlechten Seiten dieselben, die Wirkung auf die Gesellschaft ist die gleiche. Insofern sie schlecht ist, sind wir daran schuld. Warum haben wir seit 1790 nicht unsere Institutionen und Gesetze langsam reformirt, warum wissen wir nicht unsere Begierden zu zügeln, unsere Ausgaben und Einnahmen im Gleichgewicht zu halten? Wir würden seltener den Banquier brauchen. Einen schädlichen Einfluß auf das Volk haben indeß jene der niederen Klasse angehörenden Juden, welche ihre schlechtere Waare theuer verkaufend, herumvagirend und hausirend, das Volk auf hunderterlei Arten demoralisiren. Die specifischen Juden üben in dieser Beziehung auf unsere gesellschaftlichen Zustände einen schädlichen Einfluß aus. Das Uebel besteht, durch Klügeln und Jnvectiven werden wir es nicht beseitigen. Die Juden sind nicht emancipirt, die niederen Judenllassen werden auch jetzt verspottet und zuweilen auch geschlagen, indem die Betreffenden vergessen, daß man große gesellschaftliche Krankheiten nie durch große Ungerechtigkeiten wird heilen können. Das Interesse der christlichen Gesellschaft erfordert die Emancipation der Juden; auf die niederen Klassen der Juden werden wir nie einwirken, wir werden sie weder moralisch machen, noch bilden, noch werden wir ihr Ehrgefühl steigern, das werden nur die höheren Klassen der Juden thun können, diese müffen wir zu uns dadurch erheben, daß wir sie an allen unseren Rechten theilnehmen lassen; und zum Ersatz dafür fordern wir von ihnen, daß sie auf ihre Stammes- und Glaubensgenoffen derartig wirken, daß diese den Sitten und Gewohnheiten der christlichen Gesellschaft sich anschmiegen, auf den Schacher und die niedere Handelspraktik verzichten, den Boden bebauen und Handwerke ausüben. Emancipiren wir also die Juden, verschweigen wir aber nicht aus liberaler falscher Scham ihre Fehler, und verlangen wir von ihnen, daß sie ihren alten Ansichten entsagen; von den höheren Judenklaffen aber müssen wir fordern, daß sie auf die Umwandlung ihrer niedern Klassen hinarbeiten sollen." — Tresort hatte hiermit die von den Zeitungen berichteten „schwache Ehrlichkeit" in „schwaches Ehrgefühl" abgeschwächt. Aber auch hiermit konnte man sich nicht zufrieden geben. Und es war daher sehr erfreulich, daß ein Publizist wie Pompery im „Orßäg" dagegen auftrat. Er sagt unter Anderem: „Indem unser geehrter Freund die Juden als eine besondere Klasse der ungarischen Gesellschaft darstellt, 9**