Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1863)
- Date
- 1863-02-24
- Page
- Seite 132 (sequence 8)
- Language
- German
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132 „sucht, die an uns Allen klebt, und von jener dämo- „nischen Kraft, die aus der heiligen Ucberzeugung sei- „ner Sendung stammt und seiner harrenden Millio- „nen Geister nach sich reißt — ein Mann, in dem „Gott wieder mehr als in uns Mensch wird. Er wird „die bestehenden Kirchen umwerfen — flicken hilft da „nicht — und aus den Bausteinen derselben eine neue „Kirche bauen. Wie lange sollen wir noch Deiner har- „ren, der Du kommen sollst?" Merkwürdig! Während Viele unter uns, sobald sie glauben, auf hoher See fteierer Aussicht angelangt zu sein, sich beeilen, den persönlichen Messias über Bord zu werfen, um sich mit dem verschwommenen Compaß eines goldenen Zeitalters der Zukunft zu behelfen, taucht dieser persönliche Messias gerade aus der Welle wieder hervor, die uns um seinetwillen fast verschlungen hätte. Und gerade auf der weitest fortgeschrittenen Seite langt man nach weiten Umwegen da wieder an, wo die Propheten Israels aufgehört haben. Herr Pfarrer Emil Zittel in Carlsruhe hat in Nr. 4 des „Sonntagabend" eine besondere Abhandlung geschrieben, um dieser Vorrede gegenüber die Zukunft des Christenthums zu retten, obschon er ebenfalls zugesteht, es fei keine Frage mehr, daß der Katholicismus in seiner 1563 zu Trient für alle Zeiten festgestellten Form dem Bewußtsein der gebildeten Kreise deS deutschen Volkes zur Zett eben so fern liege, als der Protestantismus der Concordiensormel v. 1577 und des 16. u. 17. Jahrhunderts überhaupt. Jedenfalls hat Eckardt an Zittel einen seiner würdigen Beurcheiler gesunden, ohne damit behaupten zu wollen, daß es Letzterem gelungen sei, den Ersteren in das gewünschte Geleise zu bringen. Wir stellen uns blos deßhalb bisweilen gerne an das offene Fenster unseres Nachbars, um uns im eigenen Hause wieder zufriedener und behaglicher zu fühlen. Wir registriren daher folgende Einleitung Zittel's zur gedachten Abhandlung. Sie lautet wörtlich: „Wenn wir die Zahl der Christen unserer Tage dar- „nach bemessen wollten, wie viele dem geschichtlich feft- „gestellten Bekenntniß ihrer Confession mit wirklicher „Kenntniß desselben durchaus und mit voller Ueberzeu- „gung anhangen, so würden wir uns nicht verhehlen „dürfen, daß diese „kleine Heerde" furchtbar klein ge- „worden sei. Denn wir müßten dann, außer der un- „zählbaren Schaar derjenigen, denen das Christenthum „nur noch wie ein phantastischer Jugendtraum vor- ,,schwebt und die über solche Dinge längst hinaus zu „sein vermeinen, oder die mit dem bestehenden Kirchen- „thum ganz wohl zufrieden sind, weil sie davon für „sich keinen Gebrauch zn machen belieben, auch noch „die nicht kleine Zahl derjenigen abziehen, welche aus „irgend welchen Gründen es für zweckdienlich erachten, „ihren vollen Unglauben schweigend in der Brust ver- „schließen und öffentlich der Kirche, der sie nun einmal „durch den Zufall der Geburt angehören, chre äußer- „liche Reverenz zu machen. Auch müßten wir die bei Seite „lassen, die in dem Kirchenthum ein treffliches Hülfs- „mittel politischer Regierungskunst zu entdecken glauben „und, obwohl selbst ohne Glauben, doch für den för- „derlichen Bundesgenossen oder das nützliche Werkzeug „Einfluß und Geltung begehren. Würden wir dann „noch außer diesen Ungläubigen die ungeheure Zahl „auftichtiger, religiös gestimmter Gemüther hinwegden- „ken, welche weder sich, noch uns ein Hehl daraus ma- „chen, daß ihr Glaube keineswegs correct und bekennt- „nißfähig, sie selbst vielmehr in vieler Hinsicht arge „Ketzer seien, und endlich auch den gedankenlosen Hau- „sen in Abrechnung bringen, der von seinem Glauben „weder sich, noch uns Rechenschaft zu geben vermag, „sich vielmehr ohne weiteres Kopfzerbrechen der Auto- „rität der Kirche geduldig „unterwirft", glaubt oder „vielmehr zu glauben meint, „was die Kirche glaubt", „und von ihr erwartet, daß sie ihm dafür einen sicheren „Platz anweist; würden wir also, um es kurz zu sagen, „nur diejenigen zusammenzählen, welche wir mit Recht „als selbstbewußte, rechtgläubige Katholiken und als voll- „kommen bekenntnißtreue Protestanten ansehen dürfen „— dann würde uns ohne Zweifel nur eine ganz fa- „belhaft kleine Anzahl übrig bleiben." — Wenn wir dieses offenherzige, wahrheitsgetreue Geständniß, das uns längst kein Geheimniß mehr war, mit Freuden registriren, so müssen wir uns vor dem Vorwurf der Schadenfteude verwahren, die uns ganz ferne liegt; aber folgende Frage dürste hier gestattet jein, die sehr nahe liegt. Sehen wir von den Gedankenlosen ab — wenn nun die tausende und aber tausende gebildeter Deutschen keine Katholiken und keine Protestanten, wohl auch keine Muselmänner oder Heiden und, wie wir annehmen zu dürfen glauben, auch keine Acheisten sind — was sind sie dem Glauben nach wesentlich dann? Wiederum werden wir auf das Wort des Propheten, des Elischa hingewiesen (2. B. d. K. 6, 16). Indessen brauchen wir auch nicht gerade außer Landes zu gehen, um zur Erkenntniß zu gelangen, daß wft