Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1863)
- Date
- 1863-02-24
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226374--21031-3300898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IW 5) Juden dürfen Statuen eder Statuetten von Thicren in ihren Hausern haben, von menschlichen Gestalten nicht, wenn sie nicht wenigstens an Nase oder Augen verstümmelt sind.*) Die talmudische Auslegung ist demnach in Bezug auf Thiergestalten von der Anschauung und Praxis während des letzten Jahrhunderts vor der Zerstörung Jerusalems abgegangen, beschränkt aber die Ausübung der Bildhauerei auf Thierfiguren und macht sie hinsichtlich der Menschengestalten unmöglich. Was resultirt nun aus dieser Zusammenstellung der historischen Thatsachen? daß die Auffassung des biblischen Verbotes in den verschiedenen Zeitaltern eine verschiedene war, welche sich in Auslegung und Sitte bald als milder, bald als schärfer und schroffer bethätigte, und die daher ihren Grund in den verschiedenen Verhältnissen jener Zeiten haben mußte. Je geringer in Israel die Furcht vor der Hinneigung und Verführung zum Heidenthume vermittelst der Bildwerke jeweilig war, desto milder war die Auffassung; jemehr aber das Judenthum mit der heidnischen Welt in Berührung kam und dieses in jenes einzudringen suchte, desto intensiver war auch der Widerstand, der in der Ausschließung der Bildnerei ein Hauptmotiv finden mußte. Es ist leicht ersichtlich, daß nach der langen und tiefgehenden Wirksamkeit des Propheten und Richters Samuel, nach der Regierung Saul's, der selbst die Zauberei aus Israel ausrottete, also gewiß dem Heidenthume kräftig entgegengetreten, und nach der Regierung David's die Religion des einzigen und unkörperlichen Gottes so unbedingt zur Herrschaft in Israel gekommen war, daß der Geist der Sicherheit und das Gefühl der Stärke eine mildere Praxis verbreiten konnte. In Alexandrien aber stand das Judenthum in solcher Nähe und täglicher Berührung mit dem vielgestaltigen ägyptischen Heidenthume, und dieses *) Dieser Bandalismus, von dem die Mehrzahl der jetzigen Juden nicht einmal mehr Kenntniß haben, da in zahllosen jüdischen Häusern unverstümmelte Gypsfiguren zur Ausschmückung ausgestellt sind, ohne daß die Besitzer nur ahnen, daß sie damit antitalmudisch sind — dieser Vandalismus rührt Loch nur aus dem Bestreben der Talmudisten und Rabbinen, die Strenge des Gesetzes vor den Bedürfnissen des Lebens und den Forderungen der Vernunft zu mildern, ohne jenes aufzuheben, ein Streben, das sich so oft mit dem Scheine begnügte, oder durch irgend ein kleines Mittel einen Ausweg zu finden suchte, wie dies z. B. dem ganzen Systeme der Lrubin zu Grunde liegt. hatte sicherlich so viele Wege und Mittel, um sich in das Judenthum cinzuschleichen, daß es leicht erklärlich ist, wie man endlich in der Gegensetzlichkeit so weit ging, selbst die Malerei zu verbieten, welche in Aegypten in umfänglicher Weise geübt ward, während sie in Palästina nur wenig vorkam. Sahen sich doch wahrscheinlich aus diesem Motive heraus die ägyptischen Juden bewogen, selbst einen Tempel mit Opferdienst herzustellen, der in Erwägung der Beweggründe von Jerusalem aus nicht geradezu verdammt wurde. In Palästina traten aber die Römer so feindselig auf, suchten auf dem Wege des Befehls die Bildwerke, namentlich die Statuen der Kaiser bis in den Tempel zu bringen, und es gab daselbst auch eine, wenn auch kleine Partei, welche den Römern nachzugeben stets bereitwillig war, daß der Antagonismus immer intensiver werden und bei der wachsenden Erregung bis zum äußersten Widerstande gelangen mußte. Mit der zurückweichenden Gefahr schwächte daher die talmudische Interpretation diesen Gegensatz wieder etwas ab; sie trug aber selbst zu viel Energie in sich und sah das 2udenthum in der Diaspora von zu vielen Gefahren umgeben, als daß sie nicht auf der einmal vorhandenen Basis beharren sollte. Wie es dann im Geiste der talmudisch-rabbinischen Casuistik lag, mußte in der weiteren Verästelung die Consequenz wiederum zu auffälligen Extremen führen. Gerade hieraus geht aber die völlige Berechtigung hervor, welche jede dieser verschiedenen Auffassungen nach den Bedürfnissen und Verhältnissen ihrer Zeit für sich hatte, und der Vorurtheilslose wird die Schroffheit der Alexandriner und den Widerstand der Palästinenser als völlig gerechtfertigt ansehen. Nicht minder aber wird der Vorurtheilslose auch der jetzigen Zeit bei so gänzlich veränderter Anschauung, bei so völlig verschiedenen Verhältnissen, bei so ganz anders gearteten Bedürfnissen und Geistesrichtungen die Berechtigung zusprechen, zur biblischen Quelle abermals zurückzukehren, den einfachen Sinn und Geist, den wirklichen Willen und die Absicht der h. Textesstcllen zu untersuchen und zu erforschen, und auf dieser Grundlage die in der Gegenwart vorhandenen Motive und Bedürfnisse zu erwägen. Wir glauben, daß hierin der rechte Geist unserer Zeit sich belhatigt, wenn er, die unveränderliche Basis für das Judenthum in der heil. Schrift findend, die Ausflüsse und Thatsachen der Vergangenheit unbefangen würdigt, dann aber in gleicher Weise den Inhalt und die Aufgabe unserer Zeit zur Geltung bringt.