Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1863)
- Date
- 1863-02-10
- Page
- Seite 101 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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101 jähriges Mitglied der Singakademie, hatte vor Kurzem eine seitdem weit verbreitete, bei Heine hier erschienene Schrift unter folgendem Titel veröffentlicht: Offener Brief an den Redacteur der Niederlausitzer Zeitung (conservativ) zur Entgegnung auf dessen Aufsatz: Die Stellung der Conservativen zu den Juden. Siehe No. 52 dieser Zeitung. Obgleich sich nun der Verleger der Niederlausitzer Zeitung für den Redacteur derselben ausgiebt, und demzufolge wegen einiger Ausdrücke des offenen Briefes, durch welche er sich beleidigt glaubt, den Herrn Br. beim Staatsanwalt denuncirt hat, so weiß doch hier Jedermann, daß der Lehrer am hiesigen Gymnasium, Dr. Jacobs, Redacteur der Zeitung und Verfasser des Auffatzes: „Die Stellung der Conservativen zu den Juden'' ist. — Besagter Dr. Jacobs ist nun auch Mitglied der Singakademie, und als vor einiger Zeit an einem Uebungsabende der betr. Breslaur das Lokal der Singakademie betrat, erhob sich Herr Dr. Jacobs augenblicklich und verließ mit seiner Braut den Saal. Als am letzten Uebungsabende der Herr Br. wieder eintrat, weigerten sich 6—8 Lehrer der hiesigen Elementarschule, Partei nehmend für Dr. I., mit Herrn Br. zu singen. Man wollte letzteren veranlassen, den Saal zu verlassen, weil durch die Weigerung der Lehrer eine Aufführung, die im Kurzem stattfinden sollte, vereitelt wurde, doch letzterer, fußend auf sein gutes Recht, blieb, worauf die Herren Lehrer ihre Stimmen niederlegten und den Saal verließen, so daß nicht weiter gesungen werden konnte. Herr Br. hatte nachher die Genugchuung, daß die zurückgebliebenen Damen sich über das ungezogene Benehmen der Lehrer sehr tadelnd aussprachen (in welchen Tadel alle Gutgesinnten unserer Stadt jetzt einstimmen) und denselben baten, er möge in ihrer Hochachtung für ihn und sein taktvolles Benehmen bei der Angelegenheit eine Entschädigung für die ihm zugefügte Beleidigung erkennen. Oesterreichischer Kaiserstaat. Lemberg, im Januar. (Privatmitth.) Nichts ist hier mehr in einem Zustande, das Mitleid zu erregen, als die Hülflosigkeit der jüdischen Studenten. Welchen Neid muß es in ihnen erregen, wenn sie im Schulcorridor die täglichen Anschläge lesen, in welchen die Stipendien chrer christlichen Genossen ausgeschrieben sind, während sie selbst dem Hunger, dem Mangel jeder Art, z. B. der Kleider, ausgesetzt sind und oft die Unterrichtsgelder nicht zahlen können. Niemand bekümmert sich um sie. Niemandes Hand ist offen für sie. Sprechen sie die Reichen an, so antwortet man ihnen: warum seid ihr nicht Handwerker oder Handelslehrlinge geworden? Daß die Zukunft des jüdischen Glaubens und Stammes zu einem großen Theile auf dieser studirenden Jugend beruht, sehen sie fteilich nicht ein, oder erregt ihr Interesse nicht. Anders war es, als der Herr Dr. Schwabacher noch hier war. Er suchte dem jetzt gänzlich hingesiechten Verein für Studirende, welchen der Lehrer Herr Wolf gegründet, Leben einzuhauchen, forderte von der Kanzel und privatim unermüdlich zur Unterstützung der mittellosen Jugend auf, errichtete eine Speiseanstalt für die Kinder der Armen und ließ eine besondere Speisctasel für die Studirenden aufstellen, nahm Biele gastlich an seinem eignen Tische auf, unterstützte sie aus eigenen Mitteln und fährt hierin sogar aus der weiten Ferne bisweilen noch fort. Mit seinem Abgänge ist dies Alles wieder in Verfall gerathen, als wenn hierdurch sein Andenken nur noch gesegneter und sein Verlust noch tiefer empfunden werden sollte. Möge der hiesigen studirenden jüdischen Jugend bald ein anderer Retter in der Noth erscheinen, damit nicht so viele derselben, weil sie die Schwierigkeiten nicht überwinden können, ihren Weg verlaffen und zu den niedrigsten Erwerbszweigen greifen müssen. In der That fürchte ich, daß, während eine äußerliche Cultur, die nichts weiter als ein Firniß der Schale ist, sich wohl unter unsren Glaubensgenossen in Galizien mehr verbreitet, die wahre innerliche Geistesbildung weit weniger Raum findet und immer schwächer wird. Ich könnte hierüber Thatsachen heranbringen. Gilt doch das große Brody auf dem Gebiete des Judenthums gar nichts mehr und Lemberg folgt chm auf diesem Wege. Prag, 28. Januar. (Privatmitth.) Daß bisher noch kein Bericht über die hiesigen Wahlen erfolgte, hat seinen Grund darin, daß die Wahlen noch nicht vollendet sind. Auch hat der Gegenstand seitdem an Interesse bedeutend verloren. Man gelangt mehr und mehr zu der Einsicht, daß uns die Zeit die ererbten Uebel heilen könne. Die Denk- und Gefühlsweise muß sich erst mit den neuen politischen Verhältnissen vertrauter machen, dann werden die wahren Bedürfnisse leichter erkannt und anerkannt werden. 7