Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1863)
- Date
- 1863-02-10
- Page
- Seite 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226372--20998-3300863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S7 hier wie überall rufen wir: Es lebe die Sympathie — Untergang der Antipathie. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Jebenhausen, im Januar. Der Schwäbische Dichter und Sänger Ludwig Uhland ist nicht mehr, er, der Sänger für Freiheit und gutes Recht, hat als Patriot in der Ständekammer sich stets auch der Ci ache der Juden angenommen. Sein stilles, ernstsinniges Wesen machte sich nie durch suadenreiche Reden geltend, aber er war ein Mann der That. Er war mit mehreren Juden befreundet, und als solche dürfen wir die Herren Berthold Auerbach, Profeffor Pfeiffer und Dr. Wassermann nennen, die in seinem Hause stets willkommen waren; auch I)i*. Frankfurter ist zu seinen Füßen gesessen, als jener noch den Lehrstuhl für deutsche Literatur in Tübingen einnahm. Das Judenthum in Deutschland ist mit der deutschen Literatur so eng verwachsen, daß sein Schriftenthum viel den deutschen Dichter-Heroen zu verdanken hat. Diese Amalgamation der deutschen und jüdischen Literatur datirt aber nicht erst seit Mendelssohn, sondern ist fast so alt wie die deutsche Literatur selbst, das sehen wir ja aus der Schrift des vr. Ave Lallemant, die der geschätzte Herausgeber dieser Zeitung uns kürzlich in diesen Spalten vorgeführt hat. Es gereicht mir zur Satissaction, daß dieses Werk Ave Lallein aut's jetzt allgemeine Bewunderung erregt, weil ich zuerst in diesen Blättern auf dasselbe aufmerksam machte. Das jüdisch-deulsche Schriftenthum war von jeher mit der deutschen Literatur in Wechselbeziehung und habe ich dieses an jüdischen Volksliedern, die ich seiner Zeit im Literaturblatte des Orients mittheilte, nachzuweisen gesucht. Aber auch Juden haben schon als Minnesänger in der deutschen Literatur geglänzt, wie z. B. Süßkind von Trimberg beim Ausgang des 12. und im Anfang des 13. Jahrhunderts. Der Dichter lebte in Würzburg; aber trotz der anerkennenswerthen Form- und Sprachgewandtheit des Dichters, scheint es damals schon judenfresserische Kritiker gegeben zu haben, die dem Dichter Süßkind schwere poetische Seufzer auspreßten. Wir geben hier das Gedicht: Äbschied von der Lunst. Ich var üf der tören vart mit meiner kilnste zware, daz mir die dörren niht weint geben daz ich ir hof wil vliehen, Unt will mir einen langen hart län wahsen griser häre, ich will in alter juden leben mich hinnan vilr wert ziehen. Min mantel der sol wesen lanc, tief unter einem huote demüeteclic sol sin min ganc, unt seilen rnd gesingen hovelichen sanc sit mich die herren scheiden von ir guote. Wie schneidend ist die Ironie, wo der höfische jüdische Dichter aus Mangel an Existenzmittel unter „Mantel und Breitenhaube", die er gewiß längst abgelegt hatte, wieder flüchten und zur düstern Judengasse zurückkehren will, um büßend die Schmach mit seinen Glaubensgenossen zu tragen, da sein Minnezesanz ihn nicht einmal gegen Hunger schützt, weil er — Jude ist. — Ich war auf der Thoren Fahrt Mit meiner Kunst gefahren Und weil die Herren nichts wollen geben. Will ich die Höfe fliehen, Und laß mir einen langen Bart Wachsen von grauen Haaren, Ich will als alter Jude leben Zu ihnen wieder ziehen. Mein Mantel, der soll werden lang; Tief unter einem Hute Soll demüthiglich sein mein Gang, Will nimmer singen Hofgesang Seitdem die Herren geizen mit ihrem Gute. Es würde gewiß für jüdische Literaturhistoriker von Interesse sein, dem Leben dieses Minnesängers Süßkind von Trimberg, dessen Spur in Würzburg sich verliert, nachzugehen, vielleicht ließen sich noch einige Denkmale seiner Existenz ausfinden. — Bei Gebrüder Scheitlin in Stuttgart ist kürzlich erschienen: „Meister Conrad der Schöppe." Eine Erzählung für die Jugend und