Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1863)
- Date
- 1863-02-10
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
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96 Wenn man nun von der intensiven Sympathie der Juden unter einander spricht, so erkennen wir diese innerhalb gewiffer Grenzen als eine berechtigte, andererseits als eine bei Weitem überschätzte an. Es liegt in der Natur jeder Gemeinsamkeit, auch ein gemeinsames Interesse zu wecken und zu pflegen. Die Gemeinsamkeit des Vaterlandes, der Vaterstadt, der Gemeinde, der Beschäftigung, der Familie ruft unter den Gliedern dieser Verbände eia besonderes Interesse hervor, und Niemand findet daran Anstoß. Wie sollte nicht die Gemeinsamkeit der Religion auch ein solches mit sich bringen? wer verargt es den Katholiken, den Protestanten, den Herrnhutern n. s. w. ein besonderes, auch in Werk und That sich kund gebendes Interesse für die Mitglieder ihrer Kirche oder Sekte zu hegen? Wohlverstanden, sobald es nicht zu einer Beeinträchtigung Andersgläubiger, zur Verletzung der allgemeinen Menschenpflichten, zur Schädigung dessen, was wir dem Staat und der Commune schuldig sind, ausartet? Wie sollten daher nicht die Juden sympathisch unter einander gestimmt sein, bei denen zur Gemeinschaft der religiösen Ueberzeugung sich noch die Stammesverwandtschaft, die Wirkung einer tausendjährigen Bedrückungsgeschichte und eine von der Welt »och immer festgehaltene gewisse Solidarität gesellten? Tausend Fälle giebt es, in welchen sich die Juden zurückgewiesen sehen von anderen Kreisen, von anderen Mitteln und Hülfsquellen, und sich so von selbst ihr Anspruch an ihre Glaubensgenossen und ihre Zuflucht bei diesen stellen muß. Wo man aber in Gesellschaft und Noth auf eine bestimmte Anwartschaft beschränkt wird, da ergiebt sich innerlich und äußerlich auch die Pflicht und der Drang, diesem Anspruch vorzugsweise zu genügen. So natürlich und gerechtfertigt dies also auch ist, so übertreibt man doch gewöhnlich die Meinung von der Sympathie unter den Juden. Wir legen durchaus keinen Accent auf die anerkannte Uebung der Wohlthätigkeit seitens der Juden gegen Andersglaubende, auf ihre notorische Theilnahme an allen allgemeinen Kundgebungen des Gemeinsinns und der Barmherzigkeit — aber jedenfalls liegt doch darin der Beweis, daß ihr Interesse und ihre Sympathie sich nicht durchaus auf ihre Glaubensgenossen beschränkt. Wir können sogar mehrere wohlthätige Stiftungen nennen, die den statutarischen Artikel besitzen, im Falle der Gleichstellung der Juden die beschränkende Bedingung sofort aufzuheben, und den Genossen aller Consessionen gleiche Ansprüche zu gewähren, wie dies z. B. auch schon mit der Salomon Heineschen Alterversorgungsstiftung in Hamburg geschehen ist. Sobald man aber aus dem Kreise der Wohlthätigkeit und etwa nach der Geselligkeit herausschreitet, so irrt man gänzlich, wenn man noch von jener Sympathie spricht. Im Handel und Verkehr, überall wo es das Mein und Dein gilt, irrt man durchaus, wenn man auf eine solche rechnet. Da walten die ganz gewöhnlichen Leidenschaften, die Conkurrenz und Rivalität, die Habgier und der Neid unter ihnen ganz wie unter allen Menschenkindern vor, und der jüdische Gläubiger verfolgt den jüdischen Schuldner nicht im Geringsten weniger, als den christlichen. Der jüdische Verkäufer behandelt den jüdischen Käufer ganz in derselben Weise wie den christlichen. Noch lächerlicher ist es, von einer Verbindung kommerzieller oder irgend gewerblicher Art, von eine Coterie oder Cameraderie unter den Juden zu schwatzen. Eine solche besteht nirgends und existirt nur als ein Hirngespinnst in verschrobenen Köpfen, welche die Wirklichkeit nicht kennen. — Ja, wer diese Wirklichkeit kennt, den wird es nicht überraschen, wenn wir sagen, daß neben der von uns zugestandenen, aber beschränkten Sympathie der Juden unter einander auch eine gewisse Art Antipathie in ihnen vorhanden ist. Als erst den Juden selbst die Verachtung zum Bewußtsein kam, in welcher sie so viele Jahrhunderte gelebt, und die Geschmacklosigkeit ihnen zum Gefühle drang, in welche sie vielfach versunken, da sie überhaupt die Fehler und Mängel an ihren Glaubensgenossen selbst am ehesten kennen, fand sich bei sehr vielen Individuen eine gewisse Antipathie von Zuden gegen Juden ein, um so mehr, da es die allgemeine Menschenschwäche ist, den Splitter in des Nachbarn Auge zu sehen, den Balken in dem eignen nicht. Der Einzelne glaubt sich von jenen Fehlern ftei, die er an den anderen zu bemerken meint. Die Zahl der Juden, die nach nichts mehr als nach christlichem Umgänge streben, ist sehr groß, die Menge derer, welche jede Berührung mit ihren Glaubensgenossen scheuen und die in wegwerfendem Tone über sie sprechen, ist nicht gering, und es giebt deren schon genug, welche den hülfesuchenden Juden von der Thüre weisen, während sie dem Christen, der sie anspricht, eine offene Hand bieten. Wir müssen dies an dieser Stelle allerdings scharf betonen, um den Gegnern zu zeigen, welcher Unwahrheit sie sich schuldig machen, wenn sie gegen das feste Zusammenhalten der Juden losdounern. Es ist nicht so, wenigstens jetzt nicht mehr so, ja jene Sympathie zeigt sich öfters nicht einmal mehr so stark, wie sie von Rechtswegen vor Gott und Menschen sein mußte. Fürwahr,