Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1863)
- Date
- 1863-02-03
- Page
- Seite 86 (sequence 10)
- Language
- German
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86 ritz Lewh und Banquier Paul Mende, in das Collegium gewählt worden. Herr Stadtrath JacobBaswitzist, nach 12jähriger ehrenvoller Verwaltung seines Amtes als Mitglied des Gemeindevorstandes, vor Kurzem in dieses Amt wiedergewählt worden. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 20. Januar. Die „Presse" behandelte vorgestern an hervorragender Stelle den bereits gemeldeten, stark an die berüchtigte Mortara-Geschichte erinnernden Vorfall in Verona. Bekanntlich erschien kürzlich bei einer verwittweten israelitischen Dame in Berona unter Assistenz der Polizei ein Organ der katholischen Geistlichkeit, um die Frau aufzufordern, ihr einziges Kind sofort der katholischen Kirche auszuliefern, da die im Hause dienende christliche Magd gerichtlich die Erklärung abgegeben hatte, daß sie vor mehreren Jahren das Kind in einer Kirche durch Besprengung mit Weihwasser getauft habe. Der Bericht fügt hinzu, die gewarnte Mutter habe chr Kind, um es dieser unnatürlichen Entftemdung zn entziehen, noch rechtzeittg zu Verwandten in das Ausland geschickt. Die heuttge „Wiener Ztg." nimmt von der bekannten Mortara-Geschichte in Berona in folgender Weise Notiz: „Die israelitische Wittwe B. in Verona hatte zufällig erfahren, daß ihr derzett sechs Jahre altes Kind vor etwa vier Jahren durch ihre Magd die Nochtaufe erhallen habe, und in ihrer Besorgniß vor etwa möglichen Folgen dieser Handlung hat sie ihr Kind zu chren Verwandten über die Grenze gebracht, wo sich dasselbe auch derzett noch befinden soll. Der Geistlichkett soll die Sache nach der vorliegenden amtlichen Darstellung des Sachverhalts bisher ganz fremd geblieben sein und es kann daher auch von einer angeblichen Intervenirung der kaiserl. Polizeibehörde keine Rede sein. Prag, im Januar.' (Privatmitth.) Ihr Blatt, das sich zu einer seiner wesentlichen Aufgabe die Beförderung der guten Erzichung gemacht, wird gestatten, auf einen Mangel, der bei den böhmischen Juden auf dem Lande noch in der Regel vorhanden ist, einen Blick zu werfen, einem Mangel, dem abzuhelfen ein dringendes Bedürfniß ist. Gewöhnlich nimmt sich der Landjude zum ersten Unterrichte seiner Kinder einen Hauslehrer, dessen erstes Streben dahin geht, das Kind hebräisch lesen zu lehren. Inzwischen wird dem Kinde das deutche ABC, meist nur als Nebengegenstand, wozu man nach dem ausdrücklichen Verlangen des Vaters nicht viel Zett verwenden darf, beigebracht. Ist das Kind nun im Hebräischen soweit vorgeschritten, daß es die üblichen Gebete in Sidur geläufig, jedoch ohne ein Wort davon zu verstehen, herunterdreschen kann, so geht man zum Chumasch. Mtt großer Mühe gelingt es dem Lehrer, dem Zöglinge den bedeutend schwierigen Urtext übersetzen zu lehren, ohne auf die Ursache zu merken! Er erwägt nicht, daß das Kind keine Spur von Grammatik hat, und in Folge dessen auch die deutsche Uebersetzung aus dem Hebräischen für das Kind eine schwere Aufgabe ist. Aber nicht nur schwer, sondern auch geistestödtend ist diese Art zu unterrichten; das Kind bettachtet das „Chumasch Wiederholen" als einen Frohndienst, den es nur aus Furcht vor dem Birkenreis verrichtet! Was würde man von einem Lehrer denken, der seine Schüler lateinisch lesen lehtt, und ihnen sofort den Cicero zum Uebersetzen gibt. Und ist nicht die Thora als Lernobject ebenfalls ein Clasfiker, zu besten Berständniß man sehr gut Grammatik gelernt häbeu muß! Der jüdische Lehrer geht so weit, daß er das Kind zum Uebersetzen des Jeremias, Jsaias u. s. w. anhäll, ohne daß der Schüler einen wnw weiß! Was ist das aber für ein Unterricht? Ein angewandter Mechanismus, der zu wirken aufhört, wenn die Ursache behoben ist. Der Lehrer ist zufrieden, wenn das Kind weiß, wie dieses oder jenes Wott „auf deutsch" heißt, ob das Kind die Uebersetzung in zwei Stunden vergißt, darum kümmert er sich nicht. — Dieser mangelhafte Unterricht ist schuld daran, wenn die heiligsten Ceremonien des israel. Glaubens nicht oder nur oberflächlich beachtet werden, weil die meisten Juden die Belegstellen aus der heiligen Schrift nicht zu übersetzen wissen! Sie haben es wohl vor Jahren gelernt, aber wegen Unkcnntuiß der Grammaük rein vergeffeu, sie beten, ohne zu wissen, was sie beten; „nur ihre Lippen sind in Bewegung", chr Herz weiß nichts davon. Man sollte nicht die Kinder in ihrem siebenten Jahre gleich Chumasch lernen lasten; erst grammattsche Regeln und als Musterbeispiele die Gebetstellen, dann die Thora. — Das Kind wird leichter und freudiger den schwierigen Urtext der heil. Schrift übersetzen können, wenn es sich die Declination, die