Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1863)
- Date
- 1863-02-03
- Page
- Seite 81 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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81 Der feudale Aothe und der pietistische Atheist. Wir haben in No. 48 und 50 über den Judenhaß, den einerseits die Feudalen und Pietisten, andererseits die Rothe» und Atheisten bethatigen, unS ausgesprochen, und dessen Ursachen zu zeichnen versucht. Heute haben wir nuu Veranlassung, diesen Judenhaß in einer Persönlichkeit wirksam zu sehen, in welcher jene beiden Richtungen zugleich vertreten sind. Eine solche Figur konnte freilich nur in einer Zeit möglich sein, wo die Parteien ungeschminkt und unverhohlen in ihrer wildesten Leidenschaftlichkeit, in ihrer über alle Grenzen der Sittlichkeit hinausgeheuden Frechheit sich zeigen. Die Welt weiß, daß der bekannte Justizrath a. D. Wagener ein Staatslexikon herausgibt, welches die Grundsätze des Feudalismus und Pietismus in dem vollendeten Gegensatz zu Allem, was die Geschichte, die Cultur und die echte Religiosität für wahr und recht erkennt, entwickelt. Die Welt weiß es, aber liest dieses Machwerk nicht, sondern überläßt es den exclusiven Kreisen, für welche es geschrieben, oder für deren Bücherpult es doch bestimmt ist. Einer der Arbeitsgehülfeu Wagener's ist Bruno Bauer, der insonders alle die Artikel, welche Juden und Judenthum betreffen, zu schreiben Lberuommen hat, Bruno Bauer, der ehemalige Atheist, jetzt im Dienste der feudal-pietistischen Partei, der übrigens seinen Judenhaß bereits in seiner Rolle als Atheist genügend dokumentirt hatte, um jetzt als Pietist dieser Aufgabe wenigstens getreu bleiben zu können. Da nuu jenes Staatslexikon ungelesen bleibt, so erschien es wirksam, den Judeohaßartikel aus jenem in einer Separatausgabe erscheinen zu lassen, um ihm dadurch vielleicht Leser zu schaffen.*) Man kann sich im Voraus verstellen, daß aller vorhandene Geifer hier in einem Gefäße zusammen ist und den Liebhabern solchen Getränks zum beliebigen Genüsse dargeboten wird. Bauer, der sich lieber B. Bauer schreibt, weil das Bruno Bauer dem Publikum zu unangenehm in den Ohren klingt, sagt in der Vorrede, daß er hierbei „vom christlichen Gemüthe" ausgehe. Bruno Bauer und ein christliches Gemüth! Der von sich selbst sagte: „Ich bin Gott!" und ein christliches Gemüth. Erscheint in diesem Vertreter des rohesten Materialismus das „christliche Gemüth" als Zerrbild, *) Das Judeuthrun in der Fremde. Von B. Bauer. Berlin, 1863. so kann man sich vorstellen, daß er auch den Juden nur als Zerrbild auffaßt und darstellt, und damit hat er es sich auch leicht gemacht, seiner Karrikatur alles Lächerliche und alles Böse anzuhängen. Wir würden sagen, daß es reiner Kladderadatsch ist, wenn ihm nicht zugleich aller Witz und alles Gefühl für das Bessere und Edlere fehlte. So aber ist es nur von der Sorte des „kleinen Reactionärs". Doch nein! Auch so vielen Witz hat Herr B. B. nicht einmal. Denn sein Buch ist langweilig. Er schlägt darin nur den docirenden Ton an, den man den deutschen Professorenstyl nennt, und der nur unter der Hand von Männern, welche für Recht und Wahrheit aufrichtig begeistert sind, eine edlere Gestalt gewinnt. Es ist bekannt, daß dieser Docentenstyl dabei sehr oft nur Einseitigkeit und Engherzigkeit mit dem Scheine der Gründlichkeit verdeckt, und Sophisterei und Notizenkram den Mangel jeder tieferen Auffassung und des warmen Lebens verhüllen sollen. Dies ist es denn auch, was die Broschüre Bauer's charakterisirt. Darum aber ist jede Widerlegung eine überflüssige Mühe. Das wirkliche Leben widerlegt sie jeden Tag und macht ihre giftigen Syllogismen zu Schanden. Glücklicher Weise ist auch der Zeitpunkt unglücklich gewählt, denn die Gegenwart hat größere und schwierigere Fragen zu lösen, als ob die Juden wirklich einen anderen Leib und eine andere Seele als Bruno Bauer, Wagener, Panse und Consorten haben und was dergleichen welthistorische Momente mehr sind. Ob die judenfeindliche Literatur noch so ein paar Makulaturbogen mehr hat, darauf kommt wirklich nichts an, noch dazu, da Bauer doch nur seine alten Pfeile aus den vierziger Jahren noch einmal zu verschießen hat. Wir können unsererseits unsere Glaubensgenossen nur auffordern, das Machwerk zu ignoriren und bei Leibe nicht zu kaufen. Andere thun dies mit Judenbroschüren doch nicht. Die große Entwickelung der Menschheit geht ihren Gang, ob solche, ursprünglich groß angelegte, aber durch Selbstverschulden verkümmerte Geister wie Bruno Bauer sich ihm in den Weg werfen oder nicht! Literarischer Wochenbericht. Bonn, 21. Januar. „Der Knabenraub zu CarpentraS. Drama in vier Aufzügen von Leopold ©teilt." Berlin 1863. Wir gestehen offen, daß, wie wir auch bereits öfter bemerkt haben, vor der immer wiederholten