Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1863)
- Date
- 1863-01-27
- Page
- Seite II (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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II Hochgeehrtes Fräulein! Wenngleich schon eine geraume Zeit verflossen ist, seitdem ich nicht mehr das Vergnügen hatte, mich Ihnen persönlich zu nähern, so hoffe ich Loch, daß die Erinnerung an jene Zeit, als meine leider zu früh Heimgegangene Schwester Lenchen in ihrem Penfionate war, mir Verzeihung für die Freiheit, die ich mir nehme, mich schriftlich an Sie zu wenden, erwirken wird. Wenn ich mich nun noch über ein Thema, welches Sie sehr interessirt, mir Ihnen zu unterhalten beabsichtige, so darf ich wohl annehmen, daß Ihnen mein Schreiben nicht unangenehm sein wird. Ich meine das dortige Waisenhaus, dessen Gründerin und Vorsteherin Sie sind. Sie haben damit ein Werk in's Leben gerufen, welches Ihnen unsterblichen Ruhm sichert. Es wird Ihnen nicht unbekannt geblieben sein, daß ich seit dem 24. September d. I., vermöge Vollmacht des Herrn Oberrabbiner Cahn, Mitglied des CuratoriumS bin, und in dieser Eigenschaft schon zween Sitzungen beigewohnt habe. Ich habe dieses Mandat gern angenommen, einmal weil ich mich für wohlthätige Institute lebhaft interefsire und dann, weil ich glaubte, durch langjährige Erfahrungen in derartigen Verwaltungs-Angelegenheiten dem Institute nützlich sein zu können. Indeß war es mir sehr betrübend, schon in der ersten Sitzung wahrnehmen zu müssen, daß eine tiefe Spaltung zwischen Ihnen und den übrigen Mitgliedern des Vorstandes bestehe. Ich habe mir nun vorgenommen, wenigstens den Versuch zu machen, ob es mir nicht gelingen werde, den Hader zu beseitigen, und halte mich zu diesem Versuche verpflichtet, da ich von der Wahrheit des Satzes „Einigkeit macht stark" innig durchdrungen bin, und daß das Institut nur dann segensreich wirken kann, wenn alle dabei wirkenden Personen völlig einig find, während es untergchen muß, wenn Zank und Hader fortdauert. Glauben Sie es mir, verehrtes Fräulein, und ich verbürge mich dafür, jedes Mitglied des Curatoriums wünscht und erstrebt das beste Gedeihen der Anstalt und glauben Sie mir ferner, daß Niemand Ihren Wünschen, die das Wohl der Anstalt bezwecken, entgegentreten werde. Bedenken Sie, wie angenehm eS für Sie sein wird, wenn fünf Männer Ihnen zur Seite stehen, um die Pläne, die Sie gefaßt haben, mit Geschäftskenntniß auszuführen und welch' eine beneidrnswerthe Stellung Sir dann einnehmen werden. Bis hierher, mein verehrtes Fräulein, habe ich mich blos an Ihr Herz gewendet, jetzt appelire ich aber an Ihre Vernunft und habe ich eine viel zu hohe Meinung von Ihren Geistesfähigkeiten, als daß ich befürchten sollte, mich vergebens bemüht zu haben. Beleuchten wir deshalb unsre Angelegenheit vom Standpunkte des Rechts. Jedem bei der Verwaltung des Waisenhauses Betheiligten find seine Rechte und Pflichten vom Statut, welches unser Gesetzbuch ist, klar und deutlich vorgezeichnet. Sie haben Sich unzweifelhaft Ausschreitungen gegen die klaren Bestimmungen des Statuts zu Schulden kommen lassen, indem Sie Gelder angenommen und dieselben nach Gutdünken verwendet haben; Sie hatten hierzu kein Recht, selbst wenn die Geber über die Verwendung der Gelder Bestimmungen trafen. Sie haben ferner in öffentlichen Blättern Beamte für das Waisenhaus gesucht, welche Handlung den Bestimmungen des Statuts geradezu widerspricht. Das derzeitige Curatorium hat freilich die Unterlassungssünde begangen, nicht sofort energisch eingeschritten zu sein, wodurch Sie vielleicht ermuthigt wurden, auf dem betretenen Wege fortzufahren. Aber, mein geehrtes Fräulein! Das Gesetz, im vorliegenden Falle das Statut, darf niemals verletzt oder umgangen werden! Derjenige Soldat ist der freieste, welcher der gesetzmäßigste ist. Für mich, so lange ich die Ehre haben werde, der Verwaltung anzugehören, wird das Statut allein maßgebend sein und werde ich nie und unter keinen Umständen Beschlüssen zustimmen, welche gegen das Statut verstoßen. In diesem Sinne biete ich Ihnen, verehrtes Fräulein, die Hand zur Versöhnung und soll es mich freuen, wenn Sie dieselbe nicht zurückstoßen. Sollte dieS aber dennoch wider Vermuthen geschehen, nun dann! so hebeich mit derselben Hand, die Sie zurückgestoßen haben, den Fehdehandschuh auf und werde den Kampf mit aller Energie bis zu Ende führen. Ich versehe mich indeß eines Besseren zu Ihnen und werde mich freuen, wenn Sie mich recht bald mit einer Antwort beehren. Mit besonderer Hochachtung der Ihrige gez. Dreher. Diesen Brief hat Fräulein Nathan nicht beantwortet, auch keinerlei Versuch gemacht, weder mit mir, noch mit sonst einem Mitgliede des Curatoriums durch mündliche