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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-01-27 · Heft 5 (27.1.1863) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 5 (27.1.1863)
Date
1863-01-27
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
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71 Posteü ein Jammergeschrei aus den Trümmern dringen. Er machte sogleich die Anzeige den Behörden, worauf sofort Graf MenSdorff-Pouillh noch mitten in der Nacht persönlich daselbst erschien und unverzüglich die Arbeiten eröffnen ließ. Dieselben waren nämlich seit dem 1. d. MonatS unterbrochen worden, da man durch Hinwegräumung des Schuttes den Einsturz der Nachbarhäuser herbeizusühren befürchtete, und überdies von der Ueberzeugung auszugehen schien,' daß keiner der lebendig Begrabenen mehr am Leben sein könne. Der erwähnten Besorgniß wegen wurden auch jetzt die Arbeiten nicht durch den Schutthaufen, sondern in der Seitenlinie durch ein benachbartes Haus geführt. Bald war der Weg gebahnt, und ein furchtbarer Anblick bot sich dem Augen der Umstehenden dar. Bis an die Brust von Schutt und Trümmern eingeengt, stand ein junges jüdisches Mädchen da, das sein Leben nur dem Zufalle zu verdanken hatte, daß die stürzenden Balken eine Art von Gewölbe über ihrem Kopfe gebildet hatten und eine darauf liegende tapczirte Thür sie vor den niederfallenden Trümmern bewahrte. Drei Tage und drei Nächte hatte die Unglückliche bereits in dieser qualvollen Lage zugebracht, ohne Speise und Trank, keiner Bewegung fähig. Zu ihren Füßen lag die Leiche eines eilfjährigen Mädchens, das gleichfalls mehrere Tage lang die Marter des Lebens erttagen hatte und erst kurz zuvor gestorben war. Die gerettete Unglückliche, die sich im vollen Besitze ihrer Geisteskraft befand, wurde unverzüglich von dem sie umlagernden Schutte befteit und gestärkt, und befindet sich, von einem schweren Oberschenkelbruche abgesehen, in überraschend gutem Zustande. Daß sie der Gegenstand allgemeiner Theiluahme in christlichen wie jüdischen Kreisen ist, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Man wetteifert in Anerbietungen, ihre Versorgung auf sich zu nehmen. Leider kann man nicht das Gleiche rücksichtlich des Schicksals der Hinterbliebenen der Verunglückten und der durch die Katasttophe um ihr Hab und Gut gekommenen Familien sagen. Es verdient noch erwähnt zu werden, daß die eingestürzten Häuser vor sechs Jahren bereits vom Bauamte für baufällig erklärt worden waren. Die Aufhebung des Ghetto, in welchem eine Population von 30,000 Seelen eingezwängt ist, wird nun mit Sicherheit erwartet. Noch eine zweite Leiche wurde heute zu Tage gefördert. Es ist dies die Gattin des bereits gestern begrabenen Schneiders, die mtt der Perlftirnbinde am Kopfe und ihr Silberzeug in der Hand, aus dem Schutte gezogen wurde. Die Unglückliche war bei dem Versuche, ihre Kostbarkeiten zu retten, von der Katastrophe überrascht worden." Schweiz. Bern, 9. Januar. Heute hat die Conferenz der Cantons-Abgeordneten für die Berathung des schweizerisch-ftanzösischen Handelsvertrages ihre fünfte Sitzung abgehalten. Ueber ihre Beschlüsse, welche, wie es heißt, bis zum Beginne der Unterhandlungen in Paris Geheimniß bleiben sollen, verlautet noch nichts; dagegen sind die Forderungen Frankreichs, welche Gegenstand der Berathung der Conferenz sind, in die Oeffentlichkeit gedrungen. Außer der fteien Niederlassung der ftanzösischen Israeliten in der ganzen Schweiz, für welche — so viel hat man doch gehört — die Conferenz in ihrer Mehrheit gestimmt hat, nennt man die Garantie gegen Nachahmung von privilegirten Industrie- Erzeugnissen und von Fabrikzeichen; Aufhebung der Patent-Taxen für die ftanzösischen Handelsreisenden; Aushebung der schweizerischen Zölle auf Rohstoffe und der Durchfuhrzölle für ftanzösische Waaren; Vereinigung gewisser Gränz-Verhältnisse; Schutz des literarischen und arttstischen Eigenthumes und Aufhebung der Zölle innerhalb der begünstigten Zone ftanzösischer Landestheile um den Canton Genf. Neben der fteien Niederlassung der Israeliten dürste auch die Garantie gegen Nachahmung von Jndustrieerzeugnissen in der Schweiz auf großen Widerspruch stoßen, da ein bedeutender Theil der schweizerischen Industrie, so z. B. die baseler Band- Fabriken, die Muster der in den ftanzösischen Fabriken angefertigten Fabrikate sofort nach ihrem Erscheinen — manchmal fast gleichzeitig — nachahmen. (Wir theilen diese Correspondenz der „K. Z." vollständig mit, um schon jetzt zu constattren, daß, wenn dieser Vertrag auf Schwierigkeiten stoßen sollte, diese doch nicht allein in der fteien Niederlassung ftanzösischer Israeliten bestehen würden. Allerdings ist für uns der ftanzösische Handelsvertrag mit der Schweiz der wichtigste, weil gerade aus Frankreich Juden am öftersten in der Schweiz sich auszuhalten Veranlassung haben.) Rußland. Aus Liefland, im Januar. (Privatmitth.) Damit die empörende Weise, in welcher die Juden von dem deutschen Adel in Liefland behandelt werden, so recht an's Tageslicht trete, theile ich hier eine Verordnung neueren 5**

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