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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-01-27 · Heft 5 (27.1.1863) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 5 (27.1.1863)
Date
1863-01-27
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 überwindende, einfache Logik, die Regeln der Grammatik, der unzweideutige Wortsinn dem Leser und Lernenden auf immer nahe gelegt. Wie befruchtend dies auf zahllose Individuen wirkte, wie es mit einem Male und doch ohne eigentlichen Kampf eine große Menge von Jüngern auf ganz andere und eigene Füße stellte und die ganze Zukunft vorbereitete, laßt sich jetzt kaum noch ganz ermessen. Hier war aufgebaut ohne zu zerstören, hier war die Straße mit denselben Steinen gepflastert, die von je auf ihr herumgelegen und sie ungangbar gemacht; hier war die Saat zum Keimen und Sprießen gebracht, von innen heraus und zu bleibender Kraft. — In gleichem Geiste handelte Mendelssohn, als eine Anzahl Fanatiker, die im richtigen Instinkte die Bedeutung des Geschehenen fühlten, das Werk Mendelssohn's verdammten. War es doch so gekommen, daß sehr strenggläubige Rabbinen sich für seine Arbeit ausgesprochen und interessirt hatten, ehe jene Zeloten laut wurden, und hiermit der Weg in das Herz des Volkes geöffnet, bevor die Gegner sich besinnen und es hindern konnten. Mendelssohn war entrüstet, wie noch nie, ergriffen wie bei keinem früheren Vorgänge; dennoch hielt er an sich, er ließ der bittern Empfindung keinen freien Lauf; er erhob sich nicht, seine Gegner mit der Kraft seines Wortes niederzuschmettern und eine Flamme zu zünden, deren verzehrenden Gang und Ausdehnung Niemand berechnen konnte. In dem Bewußtsein, daß die Wahrheit von selbst siegen werde, da die allgemeinen Zustande ihr so günstig waren, daß sie bereits so feste Wurzel gefaßt, daß Niemand sie zu .erdrücken vermöge, hielt er abermals an sich, wehrte die Angriffe entschieden ab und störte die Wirkung seiner Arbeit in keiner Weise. Von hier ab warf er seinen Blick in ganz praktischer Weise auf die Förderung der Volksbildung durch das Schulwesen, und ließ durch sein Ansehen und seine Mitwirkung die jüdische Freischule in Berlin erstehen, auch hier einen Samen reifend, der bald nach allen Seiten hin die kräftigsten Sprößlinge abgeben mußte. Als aber erst die Resultate dieser Bestrebungen gesichert schienen, da vereinigte Mendelssohn alle Richtungen seines Geistes in einem Werke, in seinem „Jerusalem", in welchem er mit sicherer Hand Staat und Kirche von einander trennte, die Natur dieser beiden Gewalten charakterisirte, ihre gegenseitige Unabhängigkeit und Freiheit proklamirte, und das Wesen des Judenthums als „geoffenbartes Gesetz" zu kennzeichnen versuchte. Wenn er hierin auf der einen Seite Entscheidendes für immer aufstellte, öffnete er auf der andere» Seite dem Judenthume die Pforte zu neuen fruchtbaren Untersuchungen und Discussionen, die jetzt;tfi wieder ausgenommen und noch eine lange Zukunft aussüllen werden. So wirkte Mendelssohn innerhalb des Judenthums. Mit seinem philosophischen Denken und Forschen, mit seiner allgemeinen und deutschen Bildung und Stellung verband er die treueste Anhänglichkeit und Hingebung an das überkommene Judenthum; die rigoröseste Praxis des traditionellen Gesetzes mit einem wahrhaft reformatorischen Streben auf Weckung und Umgestaltung des ganzen jüvischen Volkslebens, und Ausbau des theoretischen Judenthums. Und nur in dieser Weise war es möglich, so großartige Erfolge fast ohne Kampf und Widerspruch zu erzielen. Auch hier hatte Mendelssohn die jüdische Welt sich erobert, ehe sie es wußte, und aus ihren Lebensmittelpunkt unwiderstehlich eingewirkt, bevor sie es ahnte. Der Gegensatz war entwaffnet, ehe er sich noch zu regen begann, und darum konnte dessen Bekämpfung ruhig der Zeit überlassen bleiben. Daher kam es, daß die stabile Orthodoxie doch nur bei spateren einzelnen Veranlassungen und in beschränktem Maße, wie bei dem Hamburger Tempelstreite, bei den deutschen Rabbinerversammlungen zu Entgegnungen sich auftaffte, sonst aber waffenlos dem Gange der Dinge zusah. Auch hier wissen wir, daß andere Zeiten Anderes verlangen, daß ein entschiedeneres Verfahren, ein eingreifenderes Thun, ein positiveres Umschaffen, ein rücksichtsloseres Aussprechen erforderlich ward. Aber für die Zeit, wo die neue Entwickelung anheben, wo das dritte, epochemachende Ereigniß in der Geschichte des jüdischen Stammes und Glaubens, der Austritt aus den Ghetti's in das Culturleben der Menschheit beginnen sollte, konnte mit gesegnetem Erfolge nur das Verfahren Mendelssohn's wirksam seiu. Mit nichten möchten wir behaupten, daß Mendelssohn mit vollem Bewußtsein, mit klarer Berechnung der Verhältnisse sich einen Plan für diesen seinen Lebensgang entworfen hatte; dies wäre zu gekünstelt gewesen, und hätte gewiß nicht geglückt. Vielmehr lag es in der ganzen Persönlichkeit, in dem eigenthümlichen Wesen und Charakter Mendelssohn's, also und nicht anders zu handeln und zu wirken. Und darum sagten wir, daß er eine providenzielle Gabe Gottes an das Judenthum war. — Nicht minder aber, geehrte Zuhörer, können wir der Zeit Mendelssohn's und dem ganzen jüdischen Stamme es als ein Verdienst anrechnen, daß sie unsrem Gefeierten eine Bereitwilligkeit, auf sich wirken zu laffen, entgegen ttug, die es möglich machte, so Großes in so kurzer Zeit vollbringen zu laffen. Dies vermindert die Würdigung

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