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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-01-27 · Heft 5 (27.1.1863) · p. Seite 65

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 5 (27.1.1863)
Date
1863-01-27
Page
Seite 65 (sequence 5)
Language
German
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65 aus ihr direct so wenig die für seinen ganzen Stamm und dessen Berechtigung erfliegenden Consequenzen selbst heraus, sondern ließ sie vielmehr nur mittelbar, aber um so positiver auf alle Welt wirken, daß man unbewußt und bewußt ohne Widerstand einräumte, was der directea Forderung sicher und auf lange Zeit verweigert worden wäre. Mendelssohn erwies faktisch und ohne die Ansprüche von vorn herein geltend zu machen, die Befähigung des Juden zur innigsten und thätigsten Theilnahme am menschengeschlechtlichen und am nationalen Leben, und damit war auch die Berechtigung unwiderleglich dargethan. Es konnte daher von da au der Widerspruch nur vom blindem Vorurtheil und vom bitter» Haffe, oder vom einseitigsten Egoismus her erhoben werden, und dies ist ja lediglich der Kampf, den wir noch heule zu bestehen und zu führen haben. — Wäre Mendelssohn anders verfahren, hatte es in seinem Wesen gelegen, mit schneidenden Waffen gegen das tausendjährige Unrecht auszutreten, die Keule des Angriffs auf die Duukelmänner, deren Zahl noch Legionen war, zu schwingen, das Christenthum, anstatt es von sich abzuwehren, mit seinem eingreifenden Scharfsinn zu befehden, und mit leidenschaftlichem Eifer für Recht und Humanität zu kämpfen: so würde man damals gerade daraus den Schluß gezogen haben, daß die civilisirte Welt dieses wilde, ungeschlachte Element von sich abzuhalten habe, und Borurtheil und Haß hatten nur um so mehr Nahrung erhalten. Der Mensch ist einmal so. In milder und verhüllter Weise läßt er sich gern belehren und räumt freudig der Wahrheit ihr Recht ein; aber dem schroffen Mahner gegenüber regen sich alle Triebe des Herzens und alle Fibern der Sophistik zum andauerndsten Widerspruch auf. So aber war durch Mendelssohn die Welt überwunden, bevor sie es noch wußte, und den Juden der Weg in das allgemeine Culturleben geöffnet, ehe die Welt es ahnte, und diese große Umwälzung vollbracht oder doch ermöglicht, ohne irgend nachhaltige Opposition. Wir wiffen, daß in dieser Weise der Kampf mit den gegnerischen Fraktionen nicht fortgeführt werden konnte, daß eine Zeit kam, wo das Recht der Juden zu einem integrirenden Theile des Cioilisations- und Staatslebens geworden, und die Feinde mit nnumwuudenem Freimuthe, mit offenem Bisir und starker Waffe, die den heftigsten Angriff und ein freies Vorgehen nicht scheut, bekämpft werden müssen, und wo wir nicht stehen bleiben dürfen, bevor wir den Gegner ganz niederzeworfen. Für die Zeit Mendelssohn's aber wäre aus solchem Gebahren das unübersehbarste Unheil entsprungen und hätte Hindernisse geschaffen, die für lange Zeit unübersteiglich gewesen waren. So war Mendelssohn nach Außen die providenzielle Gabe Gottes an dem jüdischen Stamme. — Und dasselbe drängt sich unserer Beobachtung nach Innen auf. Die große erste Halste des Mendelssohn'schen Lebens hatte keine engcrn Beziehungen zu seinen Glaubensgenossen. Sie war auf das Allgemeine hinausgerichtet, wirkte aber darum um so fruchtreicher auf diejenigen unter den Juden, die bereits den Sinn und die Empfänglichkeit für solches erlangt hatten. Mendelssohn machte sich daher eine Zeit lang sogar Borwürfe, seine Kräfte mr Judenthum und Juden nicht verwandt zu haben. Welchen Weg schlug er hierauf ein? Nicht erhob er directen Widerspruch gegen Unsitte, Mißbräuche, Verunstaltung, Verdummung; nicht riß er die Einheit Israels auseinander, indem er das kleine Häuflein noch weiter spaltete, und Brüder in erbitterte Feinde wandelte. Bon Innen heraus wollte er den Geist frei machen und die jüdische Masse bilden. Zu diesem Zwecke wollte er vor Allem seinem Volke die reine deutsche Sprache lehren, und zwar inmitten seines eigenen unantastbaren Heiligthums. Er übersetzte die Thorah und die Psalmen. Er schrieb also keine Fibeln, Lese- und Lehrbücher, keine Katechismen und Religionsbücher, keine polemischen und kritischen Abhandlungen, sondern das Heiligste und Religiöseste gab er den Juden in reiner, lauterer Form, in klarem, einfachem Verständniß. Dadurch wurde die Hülle gesprengt, in welcher der jüdische Geist verpuppt lag, die Schranke gebrochen, die ihn im Geiste von der anderen Welt trennte, der Weg eröffnet, auf welchem ec profane Kenntnisse und Bildung erlangen konnte; hierdurch wurde der Trieb nacb Wissen und Gesittung selbst geweckt, hierdurch der Lehrinhalt des Judenthums von Neuem zum Gegenstände des Nachdenkens und Forschens gemacht, das Wesen des Judenthums und das Wesenhafte in ihm zu neuer Kenntniß gebracht, zur Sichtung und Läuterung. In der That so einfach und unscheinbar das von Mendelssohn gewählte Mittel beim ersten Blicke erscheint, so war es doch das glücklichste, richtigste und erfolgreichst.-. Was die bloße Uebersetzung aber noch unerledigt ließ, das vervollständigte er durch den hebräischen Commentar, den er unter seiner immerwährenden Aussicht und Einwirkung durch verwandte Geister seiner Uebersetzung hinzufügen ließ und die er mit seiner meisterhaften Vorrede einleitete. Auch hier kein Kampf gegen das Bestehende und Geltende, keine Norm gegen die Tradition, aber die

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