Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1863)
- Date
- 1863-01-27
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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64 in ihnen, befruchtete die Keimkraft, und ließ so Jedweden, der Lebensfähigkeit in sich trug, sich aus sich selbst entwickeln, und wie seine Zeit gekommen, zu neuem Leben erwachsen. — Betrachten wir dies nun naher. Es war die Zeit gekommen, wo der jüdische Stamm in das Culturleben der Völker hinübergeleitet werden sollte. Siebenzehn Jahrhunderte von seinem heimischen Boden in die Welt geschleudert und über die Erde zerstreut, hatte er dennoch aus- und abgeschlossen für sich existirt; man hatte ihm gleichsam eia Stückchen Kanaan an jedem Orte eingeräumt, aber durch das dichteste Dornengehege abgegrenzt. Oder man kann sagen, man hatte für das gefallene Juda überall ein Gesängniß errichtet, da man es an Einem Platze nicht gefangen halten konnte. So hatte der jüdische Stamm durch eine so riesig lange Zeit ein isolirtes Leben geführt. Allerdings wann und wo man dem jüdischen Geiste die fteie Bewegung gestattet hatte, lüstete er seine Schwingen, und trat, in Alexandrien, in Rom, in Spanien, mit einflußreichen Schöpfungen hervor. Aber es waren dies nur wenige Orte und kurze Perioden. Jetzt, geehrte Zuhörer, fangen wir an, den weisen Plan der Vorsehung zu begreifen. Während ringsum die herübergenommeneu Elemente der reinen Gottes lehre und des aus dieser resultirenden Sittengesetzes mit den mächtigen Elementen des Heidenthums gemischt blieben und nur langsam einer höheren Entwickelung zureiften, sollte in diesem, mitten in den Nationen abgeschlossenen Israel — abgeschlossen wie einst in Ka-- uaan, Egypten und Palästina — die reine und totale Gotteslehre für eine schönere Zukunft der Menschheit bewahrt bleiben. Aber die Zeit war nun gekommen, wo jenes Dornengehege niedergerissen, jener Gefängnisse Pforten geöffnet, wo der jüdische Stamm in das Culturleben der Menschheit hinüberschreiten und ein lebendiger Faktor desselben werden sollte. Da war es eine wahrhaft providenzielle Gabe, daß es eine Persönlichkeit wie Mendelssohn war, welche zum Führer, Vermittler und Pfadebener dienen sollte. Geschehen wäre es auch ohne ihn, oder auch durch einen Andern — denn weltgeschichtliche Ereignisse sind niemals an ein einziges Individuum gebunden, und auch der stärkste Funke kann nicht zünden, wenn nicht Zünd- und Brennstoff vorhanden ist. Aber es konnte in viel ungünstigerer, erschwerenderer, ja in gefährdender Weise geschehen. Mendelssohn trat in die allgemeine Welt als philosophirender Schriftsteller ein, und zwar als kein systemathisireuder und in schwere Technik sich einbaueuder Philosoph, sondern als populär-philosophischer Autor, der an Verstand und Gemüth zugleich sich wandte und eine so elegante und gemüthliche Sprache redete, wie sie in deutscher Zunge noch nicht gehört worden war. Die Anmuth, Bescheidenheit, Liebenswürdigkeit und dennoch verborgene Entschiedenheit und verhüllte Energie riß Alles hin, zog Alles an, ohne in irgend einer Art zu verletzen. Es war, wie Mendelssohn selbst, eine sanfte und dennoch tiefe Bewunderung, welche belehrte und entzückte zugleich. Erinnern wir uns nur blos an den Phädon, der in kürzester Zeit in alle modernen und mehrere alte Sprachen übersetzt ward. So trat der Jude in das Lebe«, schuf sich überall hin Bahn, ohne daß die geringste Opposition möglich war. Man konnte sich seiner nicht erwehren, und ihn dennoch nicht an feinden. Und als nun ein blöder Mystiker sich unterfing, Mendelssohn den Philosophen aus feinem Judenthume herausziehen zu wollen, als der einzige Weg, um dem jüdischen Stamme den ihm von seinem Führer bereiteten Triumph zu rauben oder doch zu verkümmern: da war es wiederum die besonnene, mächtige, sich mit der Abwehr begnügende und zum Angriff sich nicht verlocken lassende Weise Mendelssohn's, welche die Welt aus seine und der Juden Seite und dem Angreifer die völligste Niederlage brachte. So war durch Mendelssohn von Innen heraus die bürgerliche Befteiung der Juden in der Außenwelt vorbereitet, und auch hier war er es nicht, der diese Forderung zuerst aufstellte, sondern er ließ den durch sein Wirken gereiften Gedanken aus dem Munde hochgebildeter Christen zuerst aussprechen, vertheidigte ihn dann gegen die Kritiker und Verumglimpfer und bediente sich zur weiteren Verbreitung und Begründung selbst der Schriften ftüherer Autoren, wie Menaffe's beu Israel. Der Erfolg dieses Ganges, den Mendelssohn eingeschlagev, war ein unmeßbarer. Alle die den Juden vorgeworfenea Eigenschaften waren durch Mendelssohn's Persönlichkeit und Wirken verneint. Die Kriecherei auf der einen, die Zudringlichkeit aus der anderen, die Anmaßung auf der dritten Seite, die Unwissenheit auf der einen, die Verkehrtheit auf der anderen, die Geschmacklosigkeit auf der dritten Seite, Eigenschaften, die man von dem Juden für unzertrennlich gehalten, waren durch Mendelssohn völlig abgewiesen. Er bewährte sich als Weltbürger, Deutscher und Jude zugleich, und dies in so harmonischer und doch energischer Weise, wie man eine solche Vereinigung für unmöglich gehalten, und die dennoch in ihm ganz naturwüchsig erschien. Von der anderen Seite machte er diese feine Erscheinung so wenig geltend, zog