Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1863)
- Date
- 1863-01-27
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226370--20954-3300817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
63 Licht nicht blendet, wärmt man sich freudig an jenen und läßt sich bewundernd von diesem erleuchten; seine Feinde werden befeindet, seine Gegner verachtet, und so erhält sein ganzes Werk Bestand, und das Gebäude, das er aufrichtet, Dauerhaftigkeit. So in der Mitwelt; die kommenden Geschlechter lernen freilich beide nach ihrer eigenen und wirklichen Art begreifen, und nennen jenen den Großen, diesen den Weisen. Ich brauche kaum anzudeuten, zu welcher dieser beiden Arten Mendelssohn gehörte, welchen Weg er eingeschlagen. Sein ganzes Wesen, alle die herrlichen Eigenschaften seines Charakters drängten ihn auf den zweiten, und erhielten ihn auf demselben, ohne jemals davon abzuweichen. Seine liebenswürdige Bescheidenheit, seine Besonnenheit und Ruhe, die ihn niemals verließ, die ihn selbst den heftigsten Aufwallungen eines Gegners gegenüber nicht ans der Fassung brachte, stempelten ihn für immer zu einem solchen Charakter. Man sage ja nicht, daß hierin ein Mangel an Energie, an entschiedenem Willen und Vorgehen liege. Diese äußern sich durchaus nicht allein im leidenschaftlichen Durchbruch und in der Heftigkeit der Thatkraft. Eine andere, noch höher anzuschlagende Energie liegt in der Selbstbeherrschung, die mit Ausdauer und konsequentem Streben verbunden ist, in der Selbstumgrenzung des Strebens und der Ansprüche, die aus Humanität und dem lebhaftesten Billigkeitsgesühl hervorgeht. Selbst ein Blick aus die äußere Erscheinung Mendels sohn's erhärtet uns dies. Wen er mit seinen tiefen dunklen Augen anschaute, wer die hochgewölbte leuchtende Stirn und den rein anriken Schnitt des Gesichtes betrachtete, den bewegte es tief innen, welch' ein mächtiger, in Scharfsinn und Gemüth gleich starker Geist hier walte, welchem aber in dem schwächlichen, unansehnlichen Körper die Abgrenzung und das weise Maß im Verbrauch seiner Kräfte gegeben war. — Doch noch eine Betrachtung vorher. Jede Culturstufe, die bereits ihren Inhalt erschöpft hat und darum verkommen und veraltet ist, weckt das Bedürfniß nach tief eingreifenden Reformatoren. Der nie schlummernde Menschengeist hat in verborgener Weise bereits eine große Saat ausgestreut für eine neue mächtige Entwickelung. Sie hat die Keimhülle bereits gesprengt und harrt des Durchbruchs unter der Decke der trocknen Erdkruste, welche die geistlose Vergangenheit daraus gelegt. Die Reformatoren erscheinen, zertheilen die Kruste, und fröhlich schießen die Keime heraus. Dies geschieht aber ebenfalls auf zwiefache Weife. Der eine Reformator kommt mit eiserner Pflugschaar, mit eherner Hacke und Spaten, zerpflügt und zerbricht die Decke mit unerbittlicher Gewalt, um den Schößlingen der neuen Zeit Weg, Luft und Licht zu schaffen. Wieviel sein Eisen von der zarten Saat selbst trifft und zerschneidet, wie vielen Staub er aufwühlt, und welche großen Schollen ungespalten bleiben, das achtet er nicht. Der andere aber zielt vielmehr dahin, die zarten Pflanzen selbst zu stärken, ihnen die unwiderstehliche Kraft, die Erddecke zu sprengen, einer jeden an ihrer Stelle und in ihrer Weise zu verleihen, und so von Innen heraus und allmahlig die Keime zum Hervorsprießen und zu ftöhlichem Wachsthum zu bringen. Das fteilich erfordert eine längere Zeit, bevor die Wirkung sichtbar wird, größere Anstrengung seitens jedes einzelnen Keimes, aber er schonet jeder Lebenskraft und stärkt diese zu selbständigem Erblühen; er zerstört nicht Tausende, um Tausenden die Freiheit zu geben. Man begreift, daß beide Arten der reformatorischen Thätigkeit ihren besondern Werth und Vorzug besitzt, sowie Nachtheile mit sich führt. Es bedarf einer großen Lufterschütterung, um die niederdrückende Schwüle zu entfernen, es bedarf einer schnellen, zündenden Kraft, um das Feld von dürren Stoppeln zu reinigen und der neuen Ernte Platz zu schaffen; es darf zu Zeiten nicht gescheut werden, der Menschen eine Hälfte gegen die andere zu bewaffnen, wenn sie nicht Alle unter dem Joche der Verknechtung hinsterben sollen. Aber wo die Saat dünn gesäet ist und ein dürrer unftuchtbarer Boden sie umgiebt, da bedars es zarterer Sorgfalt, gestärkterer Bildungskraft und einer Wartung von Innen heraus, um nicht bei Weitem mehr zu zerstören, als zum Leben zu bringeu. Mendelssohn war ein Reformator. Wie man dieses Wort auch verstehen und deuten mag, die Wirkungen seiner Thätigkeit bezeugen es, der ganze Begriff dessen, was er gewollt und vollbracht hat, ergiebt, daß er ein Reformator war. Aber er war es im zweiten Sinne des Wortes. Er trat nicht zum Kampfe gegen die Vergangenheit hervor, er erklärte nicht das Bestehende für abgestorben und unhaltbar; er verkündete nicht neue Dogmen, stellte nicht neue Glaubenssätze auf, schuf nicht neue Formen; er hob nicht alte Satzungen auf und proklamirte sich nicht als neuen Gesetzgeber. Aber er löste die Fesseln, die um den Geist gewunden waren, er weckte eine neue Bewegung, ein neues Leben in den Geistern, er erösfnete und ebnete die Wege, auf denen sie in die Höhe kommen und an das Licht und in die Luft des Lebens heraufsprießen konnten, er stärkte den Bildungstrieb 5*