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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-01-27 · Heft 5 (27.1.1863) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 5 (27.1.1863)
Date
1863-01-27
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 viel eher die Nachwelt, als die Mitwelt zu schaffen vermag, wenn erst alle die engeren und kleinlicheren Beziehungen geschwunden sind, in welchen die Menschen während ihres Lebens zu ihren Milgenoffen stehen, und der beschranktere, wenn ich so sagen darf, befangenere Standpunkt verlassen worden ist, auf welchem eine jede Zeit sich selbst steht. In der That dann erst, wenn der weltgeschichtliche Inhalt einer bedeutsamen Epoche begriffen worden, kann auf diesem Hintergründe eine Persönlichkeit, welche in ihr eine wichtige Rolle gespielt und zu den fortbewegenden Männern jener Zeit gehörte, richtig verstanden werden. Sagen wir nicht, daß die Zeit verklärt und heiligt, die Schwächen verwischt, die jedem Sterblichen anhaften, und darum ein einseitiges, allzulichteS Bild aufstellt. Diese Schwächen gehören nur dem zeitlichen Menschen, wie etwa auch sein vergänglicher Leib an, und sind daher für die Geschichte von keiner Bedeutung. Die wesentlichen Mängel und Lücken aber treten ebenso wie die wahren Vorzüge im Lichte der Geschichte erst recht hervor. Geschieht es daher ja so oft, daß die Mitwelt bewundert, was sich später als durchaus nicht stichhaltig erweist, wahrend sie tadelt und verwirft, was als erfolgreich und preiswürdig anerkannt werden muß. So erging und ergeht es auch dem großen Tobten, welchem diese Stunde gilt, und Sie, verehrte Anwesende, vollbringen daher ein schönes, der Anerkennung werthes Werk, daß Sie alljährlich das Gedächtniß desselben feiern, und Gelegenheit nehmen, jetzt, mehr als siebzig Jahre nach seinem Scheiden, die Erkenntniß seines Wesens und Wirkens zu fördern und zu vervollständigen. Wer mit dem Reinen und Großen sich in Berührung setzt, wird selbst reiner und großer; je öfter er es thut, desto nachhaltiger ist diese Wirkung auf ihn selbst. Und so erscheine denn abermals der ehrwürdige Schatten dieses Mannes jetzt vor uns, richte sich in seiner ganzen Größe und Echtheit vor uns auf, offenbare uns wiederum einige Tiefen seines herrlichen Menschenthums und begeistere uns für Wahrheit und Recht, für die er gelebt und sich geopfert hat. Hiermit haben wir aber uns auch schon den Gesichtspunkt eröffnet, aus welchem wir Mendelssohn heute betrachten wollen. Es ist der Vortheil, der aus solcher immer wiederkehrenden Feier erfließt, daß sie nicht jedes Mal den ganzen Menschen, die ganze Bedeutung, das ganze Wesen des Gefeierten zu zeichnen und zum Bewußtsein zu bringen braucht, sondern sich nach und nach die Betrachtung einzelner Partien und Seiten zur Aufgabe stelle» könne. Wenn daher an den voraufgegangeven Jahrestagen einsichtsvolle und beredte Männer Ihnen den ganzen Mendelssohn in seiner Totalität umrißweise vorgeführt, so werfen Sie heute mit mir einen Blick auf die Persönlichkeit Mendelsfohu's, und zwar aus der Frage her: wie hat gerade diese Persönlichkeit mit dem ihr eigenthümlichen Charakter seine besondere Wirksamkeit nach Außen und Innen, d. h. außerhalb und innerhalb des Judenthnms getragen, verstärkt und gemindert, erweitert und beschränkt? Und damit ich Ihnen, geehrte Zuhörer, mit einem Worte meinen ganzen Gedanken darüber ausspreche, so sage ich: Mendelssohn gerade in seiner eigenthümlichen Persönlichkeit war für die Juden eine wahrhaft providenzielle Gabe, wie sie nicht geeigneter und günstiger unS gegeben werden konnte. Zweierlei Weisen giebt es, in denen ein Mensch auftreten und sich die Welt erwerben kann. Entweder er erscheint in überwältigender Genialität, ein sofort siegreicher Heros, stahlgerüstet vom Scheitel bis auf den Fuß, mit dem Schwert und der Lanze des Geistes, scharf und gewichtig vom Beginne an. Schnell hat er den Boden gewonnen, die weite Landschaft sich erobert, die Gegner niedergeworfen, denen er für jeden Schlag zwei, für jeden Angriff das Doppelte ertheilt. Oder aber er tritt ruhig, besonnen, mäßig und bescheiden auf, wirkt und schafft in gediegenster Weise, läßt das Licht sanft von sich ausstrahlen, erweitert nach und nach und immer mehr sein Wirken, dehnt allmählig den Kreis seines Schaffens aus, wehrt wacker ab, hält muthig aus, ohne anders als Schritt für Schritt vorzudringen, niemals zurückweichend. Welches aber wird der bleibende Erfolg beider sein? Die Geschichte belehrt uns darüber. Der erstere wird durch seinen gewaltigen Glanz augenblicklich die Welt blenden, durch seine riesige Kraft sie erschüttern und überwältigen, aber bald erholt sie sich, die Reaction tritt um so energischer ein. Alles verbindet sich gegen ihn, und auf die Höhe, die er in unaufhaltsamem Siegerschritt erreichte, folgt ein jäher Sturz; jemehr man ihn bewunderte, desto heftiger schmäht man seiner nun; er hat wilde Leidenschaft erregt und diese kehrt sich gegen ihn; alles Licht macht man zum Schatten, und wie er vergöttert ward, wird er verketzert. Anders mit dem Andern. Da er mit geringen Ansprüchen erscheint, verdoppelt man sie ihm fteiwillig; da er seine Leistungen nicht höher anschlägt als sie verdienen, erkennt man sie mit zwiefacher Bereitwilligkeit an; da sein Feuer nicht brennt und sein

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