Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-01-20 · Heft 4 (20.1.1863) · p. Seite 49

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 4 (20.1.1863)
Date
1863-01-20
Page
Seite 49 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226369--20939-3300801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

49 jener Zeit, sich kühn mit der edelsten Ethik der neueren Zeit messen können;*) in sozialer Hinsicht endlich ist auch schon das älteste Judenthum unserer Zeit weit voran. Dies zur Beleuchtung des äußerlichen Verhältnisses zwischen -Judeothum und Christeuthum. Alles Uebrige in deu folgenden Artikeln. DaS Judenthum zeigt vielmehr die merkwürdige Erscheinung, daß, ohne die Einwirkung der ihm zur Seite stehenden großen religiösen Produkte der Menschheit von Zeit zu Zeit auf daffelbe zu leugnen, es dennoch wie keine andere Erscheinung in seiner Ursprünglichkeit, Originalität und Selbstständigkeit mit großer Kraft und Eigenthümlichkeit verblieben ist, und dagegen auf die übrige Menschenwelt in stärkster Weise agirt hat. (Fortsetzung folgt.) Tägliches Gebet eines Arztes vor dem Gesuche seiner Lranken. (Aus der hebr. Handschrist eines berühmten jüdischen Arztes) aus dem zwölften Jahrhundert.) Allgütiger! du hast des Menschen Leib voller Weisheit gebildet. Zehntausend Mal zehntausend Werkzeuge hast du in ihm vereinigt, die unablässig thätig sind, das schöne Ganze, die Hülle der Unsterblichen, in Harmonie zu erhalten. Immerdar sind sie beschäftigt voller Ordnung, Uebereinstimmuvg und Eintracht. Sobald aber die Gebrechlichkeit des Stoffes oder die Zügellosigkeit der Leidenschaften diese Ordnung stört, diese Eintracht unterbricht, so gerathen die Kräfte in einen Widerstreit und der Leib zerfällt in seinen Urstaub. Dann sendest du den Menschen die wohlthätigen Boten, die Krankheiten, die ihm die nahende Gefahr verkünden und ihn antreiben, sie von sich abzuwenden. Deine Erde, deine Ströme, deine Berge hast du mit heilsamen Stoffen gesegnet; sie vermögen deiner Geschöpfe Leiden zu mildern und ihre Gebrechen zn heilen. Und dem Menschen hast du Weisheit verliehen, des Menschen Leib zu lösen, die Ordnung und Unordnung *) Um nur einen Beweis hierfür zu geben, fügen wir hier die Uebersetznng einer Piece, die uns so eben zugekommen, aus dem zwölften Jahrhunderte an, und die einen so reinen und edel» Sinn athmet, der uns um so mehr erhebt, wenn wir an die Finsternisse jener Zeit denken. desselben zu erkennen, jene Stoffe aus ihren Behältnissen hervorzuholen, ihre Kräfte zu erforschen und sie einem jeden llebel gemäß zuzubereiten und anzuwenden. Auch mich hat deine ewige Vorsicht erkoren, zu wachen über Leben und Gesundheit deiner Geschöpfe. Ich schicke mich jetzt an zu meinem Berufe. Stehe mir bei. Allgütiger, in diesem großen Geschäfte, daß es fromme, denn ohne deinen Beistand frommt dem Menschen ja auch das Kleinste nicht.- Laß mich beseelen die Liebe zur Kunst und zu deinen Geschöpfen. Gieb es nicht zu, daß Durst nach Gewinn, Haschen nach Ruhm oder Ansehn sich in mein Betrieb mische, denn diese sind der Wahrheit und ,der Menschenliebe feind und sie könnten auch irre leiten in dem großen Geschäfte, das Wohl deiner Geschöpfe zu befördern. Erhalte die Kräfte meines Körpers und meiner Seele, daß unverdrossen sie immerdar bereit seien zu helfen und beizustehen dem Reichen und dem Armen, dem Guten und dem Bösen, dem Feinde wie dem Freunde. Laß im Leidenden stets mich nur den Menschen sehn. Erleuchte meinen Verstand, daß er das Gegenwärtige fasse und das Abwesende und Verborgene richtig vermuthe. Laß ihn nicht sinken, daß er das Sichtbare nicht verkenne, aber auch sich nicht überschätze, er könnte sonst sehen, was nicht zu sehen. Denn fein und unmerklich ist die Grenze in der großen Kunst, deiner Geschöpfe Leben und Gesundheit zu warten. Laß meinen Geist stets sich gegenwärtig sein. Am Bette des Kranken mögen keine ftemden Dinge seine Acht ihm rauben, in seinen stillen Arbeiten nichts ihu stören, denn groß und heilig sind die Forschungen, deiner Geschöpfe Leben und Gesundheit zu erhalten. Verleihe meinem Kranken Zutrauen zu mir und zu meiner Kunst, und Befolgung meiner Vorschriften und Weisungen. Verbanne von ihrem Lager alle Ouackfalber und das ganze Heer rathgebender Verwandten und überweiser Wärterinnen, denn es ist ein grausames Volk, das aus Eitelkeit die besten Absichten der Kunst vereitelt und deine Geschöpfe oft deu Tod zuführt. Wenn weisere Künstler mich bessern und belehren wollen, laß meinen Geist dankbar und folgsam sein; das Gebiet der Kunst ist groß. Wenn aber eingebildete Narren mich tadeln, so laß Kunstliebe ganz ihn stählen, daß er ohne Rücksicht auf Alter, Ruhm und Ansehn auf der Wahrheit beharre, denn Nachgeben wäre hier Tod und Krankheit deiner Geschöpfe. Verleihe meinem Geiste Sanftmuth und Ruhe, wenn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.