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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-01-20 · Heft 4 (20.1.1863) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 4 (20.1.1863)
Date
1863-01-20
Page
Seite 48 (sequence 4)
Language
German
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48 wie die ganze soziale Lehre als Consequenz der Gotteslehre und die Richtung und Versenkung ins Reale vom Judenthume zu lernen und zu übernehmen habe. Betrachten wir diese drei Satze noch etwas genauer. Wir gehen hier über den ersten Satz, theils weil er über alle Erörterungen hin sicher ist, theils weil er schon den eigentlichen Lehrinhalt berührt, hinweg. Ein gleiches Verhältnis, wenn auch nicht so unmittelbares und ursprüngliches, findet beim Islam statt, und selbst der Koran setzt die h. Schrift voraus, erklärt sie für seine Grundlage und entnimmt ihr viele Theile, wenn auch in legendenartiger und oft verkehrter Ueberarbeitung. Bleiben wir dagegen bei dem zweiten Punkte länger stehen. Im Allgemeinen versteht es sich von selbst, daß zwei so große weltgeschichtliche Erscheinungen bei ihrem immerfortigen Aufeinandertreffen und Nebeneinanderleben nicht ohne Wechselwirkung bleiben konnten und bleiben, und wird man auch den Juden bis auf die neueste Zeit und in dieser am wenigsten ihren Einfluß auf die christliche Welt nicht absprechen können. Zuvörderst aber muffen wir die Frage erörtern, inwiefern die Civilisation, die Bildung und Wissenschaft als eine specifisch christliche bezeichnet werden könne. Die Geschichte scheint dies nicht 3« erhärten. Wir sehen erstens, daß das Christenthum schon fast ein Jahrtausend in Europa herrschend war, und nur zur Barbarei, Unwissenheit und dem sozialen Chaos deS christlichen Mittelalters geführt hatte. Bei allem Respekte vor der Schwärmerei, Minne und Innerlichkeit des Mittelalters können wir diese lange Epoche nur als eine Krankheit, als einen geistigen, sittlichen und sozialen Verfall in dem großen Entwickelungsgange der Menschheit ansehen, deren lebendige Blüthe damals ganz wo anders stand als in der christlichen Welt. Man muß vielmehr zweitens erkennen, daß die Civilisation in ihrem Weltgange in jeder Periode an einer anderen Bölkerfamilie hastet, eine andere zu ihrem Träger und Werkzeuge hat und sich an ihr vollendet. Wir sehen sie so aus Indien und Aegygten nach Mittel- und Borderasien wandern, von da zu den Griechen und Römern übergehen, dann nach längerer Pause am arabischen Stamme sich auftanken und endlich in den europäischen Völkerschaften Wurzel fassen. Die Gesittung, Bildung und Wissenschaft in der europäischen Welt wird von den christlichen Geschichtsschreibern selbst erst von der Vertteibung der Griechen auS Koustautinopel, von der Erfindung der Buchdruckerknnst, von der Entdeckung Amerika's und der Reformation her datirt, so daß sie erst vier Jahrhunderte die christlichen Völker zu ihren Trägern hat. Wissenschaft, Kunst und Bildung werden als durch die Ueberreste der griechischen und römischen Cultur ausgesäet, gepflegt und immerfort rectificirt ausgegeben, und alle feineren Studien mit dem Namen Humaniora belegt. Somit scheinen wir allerdings berechtigt, die Cultur unserer Zeit nicht objectiv als eine christliche bewachten zu dürfen, wie sie denn auch von den Pietisten aller Kirchen als unchristlich verworfen und zur Umkehr in das wahre christliche Wesen aufgefordert wird. Wir könnten also sagen, daß das Judenthum des 19. Jahrhunderts nicht vom Christenthume, sondern von der europäischen Cultur gelernt und den Anstoß zu Klärung und Bildung erhalten habe. Ja der That möchten die Juden in den morgenländischen Staaten von den dortigen Christen nichts profitiren können, und müssen in den osteuropäischen Landern die Christen so gut wie die Juden erst von den west- und mitteleuropäischen Böllern Unterweisung und Anleitung erhalten. Jndeß wollen wir dies nicht allzu genau nehmen und gern gestehen, daß wir Juden von der Mitte des vorigen Jahrhunderts au durch die europäische Cultur aus den engen Grenzen unsres Geisteslebens befteit worden, und dadurch auch das Judenthum zu neuer lebenskräftiger Entwicklung gedieh. Wir wollen uns dafür als zu Dank verpflichtet anerkennen, wenn nicht diese Dankbarkeit dadurch etwas geschmälert würde, daß mau uns vorher mit der drückendsten Gewalt von aller Theilnahme am Geistesleben der Menschheit abgehalten hätte, eine Theilnahme, die wir überall, wo uns Raum gegönnt worden, in Alexandrien und Antiochien, in Rom und Spanien so kräftig und originell bewiesen haben, und die selbst in Holland schon im siebzehnten Jahrhundert in Spinoza der modernen Philosophie einen ihrer genialsten Schöpfer gegeben hatte. Geradezu verneinen müssen wir aber die Behauptung, daß auch inhaltlich das Judenthum des 19. Jahrhunderts vom Christenthume irgend etwas entlehnt habe. Schärfer als je hat sich dieses Judenthum unserer Zeit als den dogmatischen Gegensatz zur kirchlichen Dogmatik hiugestellt;*) in sittlicher Beziehung können wir Nachweisen, daß die jüdische Literatur des Mittelalters an ethischer Reinheit und Höhe Schriften hervorgebracht, welche, weit erhaben über die Sittenlehre» der anderen Religionen *) Wir erinnern, daß dies in früherer Zeit nicht immer der Fall war, und daß die Kabbalah öfter eine bedeutende Annäherung z. B. an die christliche Trinität zeigt.

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