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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-01-20 · Heft 4 (20.1.1863) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 4 (20.1.1863)
Date
1863-01-20
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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47 treu anhangen bis zum Tode, und wenn eine ganze Welt rings um uns sich dagegen erhebt. Von diesem Grundsätze aus erscheint alsbald der Vorwurs oder Einwand, den man dem Judenthume entgegenhalt, daß es mitten in der großen christlichen Welt nur eine so kleine Anzahl Bekenner zählt, und daß es diesen wohl anstünde, sich nach der Mehrheit zu richten und dieser sich hinzugeben, unter der doch so viele kluge und einsichtsvolle Männer vorhanden, als völlig unbegründet und geradezu verwerflich. Bilden doch die Juden eine geringe Minorität auch in der islamitischen Welt, auch unter den Braminen und Buddhaisten, ja selbst unter den Fetischaubetern Afrika's. Was würde man dazu sagen, wenn sie die lauteren und erhabenen Wahrheiten ihrer Religion in jenen Gegenden um den Aberglauben der dortigen Majoritäten aufopferten? Die Religion Israels war vom Anfang an berufen, der unendlich großen Majorität der Menschheit gegenüber die Religion des einzig einigen Gottes zu bekennen und aufrecht zu erhalten, unbeirrt von der anderweitigen Geistes- und Bildungshöhe der übrigen Menschen. Dies war der große Beruf aber auch der Segen, der auf Abraham für seine ganze Nachkommenschaft gelegt ward, und nur dadurch erfüllen die Israeliten die höhere Pflicht gegen die ganze Menschheit, erscheinen aber als pflichtwidrig und treulos, wenn sie, blos um der Mehrheit nachzubuhlen, davon abweichen. Prüft man aber die Dinge genauer, so erkennt man, daß in Allem, was den Geist betrifft, es durchaus nicht die Mehrheit, sondern immer nur die Minderheit ist, welche in der Menschheit herrscht und leitet. Es bewährt sich hierbei, daß die Gesetze des Geistes nicht die der SDiateicie, sondern die gerade entgegengesetzten sind. Im Stoffe zieht die größere Maffe die kleinere an; auf dem Gebiete des Geistes geht die Bewegung von Einem oder Wenigem aus und zieht die große Masse nach. Dies beweist die Geschichte, und jede große Nation in den Geistern fand ihren Urheber und Leiter in ,einem Individuum, das bald mehrere an fich zog, bis von da aus die Bewegung immer größere Maße annahm. Tritt in eine Schule, und du siehst den einen Lehrer vor zahlreichen Schülern stehen, unter denen doch nur wieder einer und der andere zum Lehrer der nachfolgenden Ge schlechter geschickt sein werde. Tritt in eine gottesdienstliche oder andere Versammlung, und du hörst einen Mann von der Kanzel oder dem Rednerstuhle die Menge belehren, ermahnen, verwarnen. Oder nimm ein Buch vor dich, das in den Händen Zahlloser ist, das vielleicht schon seit Jahrtausenden zu Geist und Herz spricht, ist es nicht die Stimme eines Einzelnen, die da ertönt und mit Entzücken oder zu tiefer Belehrung von Millionen immer und immer wieder vernommen wird? So ist es theoretisch und faktisch ein Unsinn, im Glauben und Ueberzeugung von der Minderheit eine Nachgiebigkeit gegen die Mehrheit zu verlangen, vielmehr ist es erwiesen, daß, welche auch die geistige Potenz einer Zeit oder irgend einer Menge sei, die wahren Lehrer der Menschheit immer nur in der Minderzahl waren, daß die Wahrheit oft viele Jahrhunderte das Eigenthum nur Weniger war, welchem nur allmahlig die übrige Masse zureifte. So gewahrt der Umstand, daß das Christenthum Mehrheitsreligiou im Abend-, wie der Islam in Vorder-Mittelasien und Nordaftika ist, diesen kein innerliches Uebergewicht, sondern beläßt den Juden ruhig den Standpunkt, daß ihre Religion zur Läuterung und Klärung der übrigen so lange diene, bis diese den ganzen Inhalt jener angenommen haben werden. 2. Lehrer und Schüler. Es ist von den christlichen Dogmatikern selbst anerkannt, daß das Christenthum seinen Ursprung aus dem Judenthume gezogen und wesentliche Elemente ihm entnommen habe, daß es überhaupt ohne das Judenthum sowie das sog. Neue Testament ohne die heilige Schrift Jsrael's gar nicht verstanden werden kann, wozu noch kommt, daß das Neue Testament so wenig umfassend ist, daß ihm die Bibel Jsrael's überall das Ergänzungsmaterial liefern muß. Es ist dies so sehr der Fall, daß die antichristlichen Kritiker und Philosophen unter den Christen das Christenthum und Judenthum identificiren und als die, im Gegensatz zum Helenenthum, die Welt beherrschende jüdische, oder wie sie jetzt sagen, semitische Idee bezeichnen. Dieser Abhängigkeit des Christenthums vom Äudeuthume in Etwas zu begegnen, macht man geltend, daß das Judenthum des 19. Jahrhunderts am Christenthum, an christlicher Bildung und Wissenschaft sich ausgerichtet, sich geklärt habe, in seinem Geiste und seinen Formen sich verjünge, und also Wesentliches jenen zu danken habe. Diesem wieder gegenüber machen wir geltend, daß das Judenthum fortwährend für das Christenthum daS eigentliche Kriterium fei, und daß dieses, selbst abgesehen von seinem dogmatischen Inhalte, noch viele Elemente 4*

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