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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-01-06 · Heft 2 (6.1.1863) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 2 (6.1.1863)
Date
1863-01-06
Page
Seite 16 (sequence 2)
Language
German
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16 meiuden nicht blos als ein persönliches Thun, sondern für die Gesammtheit geschehend erschien, da das „Lernen" au sich als eine Art gottesdienstlichen Thuns, das voll Verdienstes sei und den göttlichen Segen erwirke, theils mit der Ueberlieferung an die Jugend, was jedoch nicht blos die Bildung zukünftiger Rabbinen, sondern überhaupt die Erhaltung theologischen Wissens unter den Begabteren des Volkes bezweckte, theils mit der Beantwortung der kasuistischen Fragen, die aus der ungeheuer verarbeiteten Gefetzesmasse hervorgingen, verbrachten: ist eS die eigentliche Aufgabe der jetzigen Rabbiner, den dogmatischen und sittlichen Lehrinhalt der Religion dem Volke zu lehren, geschehe dies nun als Religionsunterricht der Jugend, als Vortrag beim Gottesdienste oder als Zusprache und Einwirkung bei den einzelnen Vorkommnissen des wirklichen Lebens. Auf die vielen veränderten Consequenzen, die aus diesem Wandel des Inhalts und der Aufgabe sich ergeben, kommen wir ein andermal zurück- Es faud natürlich auch eine Art Uebergang statt. Jemehr sich in einer Gemeinde die früheren Bedürfnisse abschwachtea, je unveränderter die Bildung und Geistesrichtung der Mehrheit in den Gemeinden geworden, desto weniger Sympathie fand für das alte Rabbinerthum statt, so daß es nur auf die Persönlichkeiten seiner Träger ankarn, um es noch in Achtung zu erhalten; und es geschah daher in zahllosen Gemeinden, daß die vacanten Rabbinerstellen gar nicht wieder besetzt wurden und es so sehr viele Gemeinden ganz ohne geistlichen Hirten gab. Allmählig aber wachte das neue Bedürfniß auf, und es wurde dies zuerst durch Männer befriedigt, die dem eigentlichen Rabbinerstaude nicht angehörten, sondern dem Lehrerstande, oder die auf Universitäten studirt hatten. Erst nach und nach erwarben sich Jünger der alten Rabbinerschuleu die Fähigkeit, in der neuen Weise zu wirken, und gewann die wissenschaftliche Theologie so vielen Boden, um ein regelmäßiges Studium derselben möglich zu machen. Durch den günstigen Fortgang der neuen Bestrebungen, durch die verjüngte Lebenskraft, die sie über all zur Erscheinung brachten, breitete sich denn auch das neue Bedürfniß in den Gemeinden immer mehr aus, dessen Befriedigung, namentlich in Predigt und Religionsunterricht, in angemessener Trauung und Beerdigung bestehend, auch in den kleinsten Gemeinden gesucht wird So ist es denn eine erfreuliche Thatsache, daß fast mit jedem Tage abermals irgend eine Gemeinde einen Rabbiner der neuen Art sucht und anstellt. Hier ist es nun, wo wir eine Bemerkung anknüpfeu wollen. WaS dem neuen Räbbinerthum noch gänzlich fehlt, das ist irgend eine Verständigung, Bereinigung, überhaupt ein esprii de corps. Ein jeder derselben steht in völliger Jsolirtheit für sich da, schränkt sich in seinem Kreise ab, sucht keine Annäherung zu seinen Standesgenossen in Nähe und Ferne, hat nur seine eigene Autorität im Auge und sucht dieselbe in seiner Gemeinde zu kräftigen. Es mag hie und da eine Ausnahme stattfinden, aber die Regel ist es. Eine Collegialität besteht unter ihnen nicht. Wir wollen die Ursachen dieser eigeuthümlichen Erscheinung nicht erörtern, aber sie selbst zum Bewußtsein bringen und sie bekämpfen. Wir haben bei einer andern Gelegenheit uns darüber ausgesprochen, daß ein esprit de corps, wenn er vor Ausschreitungen bewahrt wird, zu den wesentlichsten Erfordernissen jedes Standes und seiner nachhaltigen Wirksamkeit gehört. Es ist falsch, in demselben nur Egoismus zu finden, da im Gegentheil die opferwillige Hingebung au einen gemeinsamen Zweck, an eine Bereinigung zu gemeinsamen Zwecken, eine Aufopferung der Selbstsucht und der unbedingten Unabhängigkeit enthält. Aber nur durch Bereinigung veredelt sich der Mensch und vermag einen höher» und edlern Zweck zu erreichen. In einer solchen schwinden die gemeinen Triebe der Rivalität, des Neides, des Hochmuths, der Selbstüberschätzung. Daß durch die Verständigung und Verbindung wenigstens der nahe umwohnenden Rabbinen ihre Stellung und ihr Ansehen in den Gemeinden selbst bedeutend gewönnen, daß sie dadurch auch eine Annäherung der Gemeinden an einander und eine größere Uebereinstimmung in den cultuellen, Lehr- und Wohlthätigkeits-Jnstituteu hervorbringeu und überhaupt ihrem Stande, dessen Richtung und Lehrmeinungen eine sichtbare Repräsentation schaffen würden, diese Einsicht muß sich doch Allen anfdräugen. In dieser Beziehung sündigen die neuen Rabbiner gar sehr. Wenn - auch unseren Alten eine organische Verbindung fehlte, wenn auch unter ihnen Rivalität und Zank allzuoft stattfanden, so blieben sie doch dmch einen eifrigen brieflichen Verkehr, durch Anerkennung vor Autoritäten, durch das Verlangen, in schwierigen Fallen die Ansichten ihrer Collegen zu erfahren und zu berücksichtigen, in steter Wechselwirkung und collegialischen Verhältnissen. Wir wissen wohl, daß eine solche Erstarkung des Standes auch ihre gefährliche Seite hat, aber unsere Zeit gerade ist genügend dazu angethan, solchen geringeren Gefahren entgegenzutreten und alles hierarchische Gebahren schnell zu beseitigen. Um so mehr fordern wir an dieser

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