Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1855)
- Date
- 1855-12-24
- Page
- Seite 665 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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€65 die vorigen Äußerungen Anlaß zum Disput über praktische Dinge, ein Element, daS, aufrichtig gesagt, dieser Zeitung zu sehr fehlt*). ES kommt dabei gar nicht darauf an, wer daS letzte Wort und wer Recht behält. Haben denn jene Söhne beim Umgraben des geerbten Weinbergs einen Goldklumpen gefunden? Nein; aber durch das Umgraben trug ihr Weinberg mehr Frucht. Nur keine Ungehörigkeiten, nur Urbanität und Anstand, nur keine Anfragen solcher Art, wie z. D. neulich auS Bayern, ob und weshalb der Gegner ein Mann des Fortschritts sei oder nicht? DaS ist schlechter Ton und gehört nicht zur Sache. Preußen. Arrö der Provinz Posen, 28. November. (Privatmitth.) Der Thorner Correspondent der „Posener Zeitung" findet es interessant genug, in Nr. 244. des genannten Blattes daS Factum zu erzählen, daß der MisfionSprediger Kraft auS Berlin im Monat October e. in Thorn gewesen und daselbst zwei — lediglich auf die „Bekehrung der Juden" fich beziehende — Predigten gehalten, welche zwar von der christlichen Bevölkerung deS OrteS sehr zahlreich, von den Juden aber — obgleich spcciell dazu eingeladen — nur höchst spärlich besucht waren. Diese letztere Erscheinung glaubt aber der gedachte Correspondent mit folgendem Anhängsel begreiflich machen zu müssen: Sehr erklärlich, — sagt er — da der kleinere und ärmere, aber auch ungebildetere Theil der hiesigen Judenschaft schon den Besuch jener Andachten für einen Abfall vom Glauben der Väter erachtete, und der größere, wohlhabende und gebildete Bruchtheil derselben das Christenthum in seiner kirchlichen orthodoxen Auffassung durch die Bestrebungen deS Rationalismus im Judenthum für überwunden hält. — Daß diese beiden Ansichten im Judenthume wirklich vorhanden, läßt fich nicht läugnen; aber eben so wenig kann zugegeben werden, daß daS Motiv für daS Wegbleiben eines Juden von einer MissionSpredigt immernurin einer jener Ansichten zu suchen sei. Wenn der gedachte Correspondent nach- und Loch habe ich stets die größte Noth, solche Waisen angemessen unterzubringen. Redact. *) Ob dieser Vorwurf ganz gerecht ist, überlassen wir der Deurtheilunz Derer, welche diese Zeitung in ihrer 19jährigen Laufbahn kennen. Redact. fragen wollte, so würde er— denn „die ganze Welt ist Eine Stadt" — eben so gut in Thorn alö allenthalben, wo Juden wohnen, erfahren, daß, — wenn einmal ein Jude eine MtsfionSpredigt besucht, — er dieS mehr aus Neugierde als aus irgend einem andern Grunde thut, und — wenn die meisten Juden von den meisten MisfionSpredigten wegbleiben, — der Grund hiervon meistentheils darin gesucht werden müsse, daß sie „ihre Zeit besser anzuwenden wissen." Die Psalmvorlesungen deS Predigers Pleßner in Posen haben sich auch in diesem Winter eines sehr starken Auditoriums zu erfreuen. Nachdem Herr Pleßner fast zwei Jahre hindurch über die „Einleitung in daS Buch der Psalmen" gesprochen, ist er vor Kurzem zu der eigentlichen „Erklärung" der einzelnen Psalmen übergegangen. Exegese, sprachliche Erläuterungen u. s. w. sind — wie man eS an Pleßner gewohnt ist — höchst gediegen. — Die Brüder-Gemeinde zu Posen hat an Stelle Ketten'S, der nach Paris gegangen, den ehemaligen Vorbeter der Kwa-Jttim-Chewra, Herrn A. Schönfeld zum Cantor engagirt und an demselben auch eine sehr gute Acquisition gemacht. — Das neulich aufgetauchte Gerücht, den jüdischen LehramtS-Aspiranten würbe der Besuch deS Posener Schullehrer-SeminarS (versteht sich als Hospitanten) wieder gestattet werden, war völlig auS der Luft gegriffen. Vielmehr ist die gedachte Anstalt unfern Jünglingen, welche sich dem Lehrfache widmen wollen, nach wie vor verschlossen, und sie müssen selbst sehen, wie sie fertig werden, um sich zu der gesetzlichen Prüfung gehörig vorzubereiten. Nur diese ist ihnen im Seminar noch gestattet, sonst Nichts. Die Betheiligung an den Posener Lehrer- Prüfungen jüdischer SeitS war aber seit Jahren so selten geworden, daß eS vor Kurzem in ganz Posen als ein Ereigniß herumerzählt wurde, unter den Examinanden bei der diesjährigen Michaelis-Prüfung hatte sich auch ein Jüngling jüdischen Glaubens befunden. — Unter solchen Umständen kann eS nun nicht mehr auffallen, wenn — wie eS seit einigen Jahren in hiesiger Provinz fast Regel geworden — bei eintretenden Lehramts - Vacanzen in jüdischen Gemeinden diese oft viele Monde lang warten müssen, ehe sie die betreffenden Stellen wieder besetzen können. Der Mangel an jüdischen LehramtS- Candidaten wird immer fühlbarer, und ohne Zweifel 52