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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-12-24 · Heft 52 (24.12.1855) · p. Seite 664

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 52 (24.12.1855)
Date
1855-12-24
Page
Seite 664 (sequence 8)
Language
German
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wie viele Ehen in Preußen dem Fluche des Anathema verfallen! Eine Anfrage in diesen Blättern bezüglich des Chasanut der Sefaradim habe ich wohl mißverstanden. Ohrenzeugen wären wünfchenswerth, die dies. einmal mit angehört hätten? Wem die portugiesischen Synagogen in Altona, Hamburg und Wien gar zu fern liegen, der darf sich ja nur in die Leipziger MichaeliSmesse bemühen, wo sowohl daS Minjan der Bucharester Juden als der Hamburger Tempel sich dieser Vortragsweise bedienen. Allenfalls kann Herr l>r. Gustav Philippson in Bezug auf den letz-, lern Auskunft geben. Ferner habe ich bereits 1838' in Nr. 12., 24. rc. dieser Zeitung nicht nur einige portugiesische Melodien auf Roten mirgetheilt, sondern sogar die Melodie der Neginah (Tropp), nämlich der gewöhnlichen. ES giebt nämlich, so weit mir bekannt geworden, an Hauptsystemen der Reginah-Melodien die deutsch-polnische (doch ein kleines, wenig verschieden), die seforadische, die italienische, die arabische und die tartarische (Bochora). Letztere will direct auS Sura und Pumbedita stammen. Die seforadische hat Unterabtheilungen: die gewöhnliche zur Thora, die fignrirte zur Thora (für Bereschit,. Schira, Haasinu rc.), die für Hafkorah, die für Megilloth, die für Eclia und zwei für Psalmen und Ketubim, welche ein seforadifcher Chasan sämmtiich genau inne haben muß. Wie verschieden sie von dem deutschen Tropp find, zeigt sich schon darin, daß. durchgehendS sowohl das Baser als daS mackaffirte blunaeli ganz kurz und auch das Scbaisobelelb nicht besonders gedehnt wird. Ein« einzige Melodie — sit venia verbo — ist indeß in allen diesen Regionen gleich, nämlich die der drei Schofarstöße, indeß bringen die seforadischen Bläser daS Schebarim mit der Teruab in ungetrennter Verbindung zu Gehör.;• Ich habe hier noch zu erwähnen, daß der jetzt ' auch in einer Synagoge Rew-Dorks angenommene' Gebrauch einer angemessener erscheinenden Thora- . Lection im Minchadienst deS SühntageS schon feit J einer Reihe von Jahren hier im Tempet besteht, wie! auch die Vorlesung deS CapitelS we-atta Jisrael mah Ad. schoel mimmeeba an die confirmirten Knaben anstatt der laufenden Paraschah.*) *) Letztere auszüglich lese ich hebräisch und deutsch den Confirmanden vor der letzten Ermahnung und dem Segen vor. Redact. DaS Waisenhaus für Mädchen, von welchem ich neulich berichtete, wird nächstens ins Leben trete», und zwar auf sehr vernünftiger Basis, so nämlich, daß eine unserer Mädchen-Armenschulen ihren Wirkungskreis dahin erweitert, eine Anzahl verwaister Mädchen gussk als Penfionairinnen zu erziehen. Ein HauS ist bereits zu 21,000 Mark von dem Geber angekauft. Diesen Plan kann man nur billigen; sonst wäre eS ein arger Anachronismus gewesen, jetzt, wo die ganze Welt gegen die Erziehung in Waisenhäusern gestimmt ist, gar ein solches für jüdische Mädchen zu stiften*). — Unter den hier nach dem Egestorfschen (Hannover) Muster errichteten Anstalt«, wo gute Suppen zu 2 Schilling verkauft werden, befindet sich auch eine, wo koscher gekocht wird. Eine solch« Anstalt, wo solche Suppen an die Armen gratis vertheilt werden, haben wir schon längst, doch kommen sie der Armenanstalt mehr als obigen Preis zu stehen. Sollte eS einer jüdischen Stimme nicht erlaubt sein, sich über eine Angelegenheit von allgemeiner Tragweite hören zu lassen? Ich meine die kriegerischen gottesdienstlichen Feiern. Ist eS eine Förderung deS religiösen Gefühls, wenn derselbe Gott hüben und drüben um Förderung derselben Sache angerufen wird, wo doch nothwendig nur die eine siegen kann? Und gar die Tedeum-Hymnen nach einer gewonnenen Schlacht? --Wie contrastirt dagegen die Aeußerung, die die Rabbinen dem jüdischen Gott nach dem Untergang des ägyptischen Pharaos in den Mund legen: „Wie? meine Kinder sind im Meere unrergegangen, und ihr finget Jubellieder?" Möchten doch diese Zeilen diese für Alle, die daS ReligionSwefen wahrhaft achten, so ernste Angelegenheit zur ersprießlichen Berüthung bringen. Hoffentlich geben mehrere meiner diesmaligen wie *) Wir verstehen unfern geschätzten Correspondenten nicht recht: was ist ein besonderes Haus, in welchem die Waisen als Penfionairinnen erzogen werden, anders als ein Waisenhaus? Unsere Erfahrung hat uns für jüdische Waisen ein Waisenhaus räthlicher gezeigt, als das Unrerbringen in einzelnen Familien. Da nämlich für Waisen stets die Fonds gering find, so ist es sehr schwer, jüdische Familien zu finden, die für ein geringes Honorar Waisen annehmcn, und zugleich die Bürgschaft einer angemessenen Erziehung geben. Hier in Magdeburg zahlt die Stadt für jedes Waisenkind 2lfa Thlr. monatlich, aus der Gemeinde wird immer ein Zuschuß gegeben.

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