Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1855)
- Date
- 1855-12-24
- Page
- Seite 660 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225984--15027-3300730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Babylonier und andere Gelegenheiten. Belsazzar fährt durch Babel, da fleht er einen Haufen den Daniel fort» schleppen, der auf der Mauer (!) mit dem Gesicht gen Jerusalem gebetet hat. Belsazzar will ihn eigenhändig tödten: da wirst sich die zufällig hinzugekommene Thirza dazwischen; Belsazzar entbrennt vor Liebe und übergiebt sie dem Oberpriester, daß sie geopfert werde, den Daniel läßt er in die Löwengrube werfen. Erster Gesang. — Belsazzar geht in der Halle des Palastes einher; im Nebensaale ist Neriffa. Da kommt Thirza's Vater, Simron, bei der Königin um Gnade für seine Tochter zu flehen, und erwähnt dabei des Jrad. Da springt sie auf und ruft: „Wo ist Jrad? rede — bring den Jüngling mir den süßen, und befteit ist deine Tochter!" Noch hat sie nicht ausgesprochen, als der eifersüchtige König dem Simron den Dolch ins Herz stößt. Jetzt beginnt das Fest des Belsazzar's, das in den üppigsten Farben geschildert wird; dem Könige wird gemeldet, daß Jrad Babel verrathen hat; er verlacht die Kunde, aber aus Rache gießt er Gift in den Becher der Königin und sie stirbt mitten im Feste. Plötzlich erscheinen die brennenden Charaktere an der Wand, große Verwirrung, die Mutter des Königs kommt, und weiset ihn auf Daniel. Zweiter Gesang. — Daniel kündet, die Worte deutend, die Nähe der Strafe, der Oberpriester aber macht Belsazzar auf das Opfer der Thirza aufmerksam, und der König eilt zum Tempel des Bel. Aber die Perser find siegreich in die Stadt eingedrungen, Jrad eilt in den Tempel zu Thirza, und findet sie. Dritter Gesang. — Jrad tödtet den Oberpriester und will Thirza aus dem Tempel entfernen, da trifft ein vergifteter Pfeil den Jrad und er stirbt. Thirza wirst sich mit Küssen auf ihn und wird dadurch auch vergiftet. Jetzt kommt Belsazzar und will trotz dem Untergang Babels Thirza umarmen: sie küßt ihn absichtlich, und er krümmt sich im Tode. Da tritt seine Mutter zu ihm, und obgleich er sie abwehrt, küßt sie ihn auch, und stirbt auch. Cyrus zieht in Babel ein, und gestattet den Juden, nach Zion zu ziehen. Vierter Gesang. — Wer diese kurze Skizze liest, muß uns zugestehen, daß hier abermals eines der größten tragischen Ereignisse der Weltgeschichte in der Hand des Dichters zu einer faden Liebes-, Rache- und Mordgeschichte geworden ist, in welcher der König Belsazzar wie ein Ritter Blaubart mit Dolch und Gift um sich wirst, und die Reihe der vergiftenden Küsse zuletzt bis zum Lächerlichen wird. Diesem gegenüber die trefflichste Handhabung der Sprache — und wir sehen in der That den Zustand des dichterischen Verfalls wie in Griechenland nach EuripidcS. Ausschweifende Phantasie, Mangel au Erfindung, kleinliche Auffassung bei der üppigsten Entfaltung und Fülle des Ausdrucks der Malerei. Wir können demnach beide Gedichte nur als verfehlt betrachten. Der gewöhnliche Einwand der Dichter und Aesthetiker, daß die „Frommen" diese Schilderungen der menschlichen Leidenschaften an biblischen Stoffen verwerfen, während die Bibel uns selbst so viele solcher Gemälde aufstellt, hat auf uns keine Anwendung. Wir verlangen großer Gestalten und Facten großartige Ausfassung, und verwerfen nur dieses Hinabziehen gigantischer Menschen und weltbewegender Ereignisse in die Jntrigucn einer Liebes- und Rachcgeschichte, die wohl als Episoden wie die Liebe des Achilles zur Briseis angebracht werden können, aber nicht die Handlung und den Kaurpf und die Motive verschlingen dürfen. Wenn im Falle Jericho's der Kampf des Einig-Einzigen und der canaanitischen Götter; wenn im Falle Babels der Sieg eines urkrästigen, sittlichen Volkes, die Befteiung eines unterdrückten Stammes und der Untergang des in Ueppigkcit und Entartung versunkenen Chaldäers enthalten ist, so find dies so große Motive, daß sie nicht durch einige wenige Phrasen ausgesprochen werden durften, sondern der Lebensmittelpunkt des Ganzen werden mußten. Dort rückt der Gott der Wahrheit aus der Wüste, zertrümmert die Altäre scheußlicher Götzen und gründet die Stätte, „von wo die Lehre ausging über die ganze Erde" — und kein Wort davon, sondern nur die Rache eines geschändeten Weibes! Hier arbeiten die welterodernden Perser von außen, die freiheitdürstenden Hebräer von innen an dem Sturze des von üppigen Festen berauschten Babels — und nichts als die verirrte Liebe eines Weibes, die Eifersucht eines mordlustigen Mannes u. dgl. Nein! Ein biblischer Stoff, ein jüdisches Stück Geschichte — da dürfen wohl Leidenschaften hineingetragen werden — aber der Lllles durchwehende Geist muß der der Bibel und deS jüdischen Volkes sein: die Erkenntniß des einigen Gottes und das Gesetz der Liebe und des Rechts — diese müssen zum Durchbruch kommen, diese daS Ganze und die Glieder bewegen und beleben! (Fortsetzung folgt.)