Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1855)
- Date
- 1855-12-17
- Page
- Seite 648 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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€48 Gewinnesficher Mes wagt im Spiele Und gottverheißen nennt, was ihm gelungen! — mußte er nicht gerade diese Gottesidee Israels potenziren, um auch fremde Elemente davon mit fortgeriffen und Weiber selbst zum Verrath am eigenen, dem Untergang geweihten Vaterlande sich verschwörend zu zeigen? Er konnte dies um so eher, als ja die Einwohner von Gibeon dasselbe zeigen (3of. C. 9.). So hat es die ttadittonclle Sage verstanden, welche Rahab sich reuig zu Gott wenden, Joschua später ehelichen und zur Stammmutter von acht Propheten werden läßt. (S. unser Bibelw. II. S. 16.) Der moderne Dichter aber fallt der Zerstreuung, der Zersplitterung, wo das Individuum nur sich und wieder sich und seine kleinlichen Leidenschaften kennt — trotzdem Waldau diese so tteffend als Grund der kleinlichen Schöpfungen unsrer Zeit schildert — anheim. Er zeichnet einen Thronerben von Jericho, schön, Held, aber ein falscher Wüstling. Er hat Rahab verführt, und als sie, von immer wieder erwachender Leidenschaft gestachelt, abermals in der Nacht zu seinem Schlafgemach schleicht, und sie ihn in einer Orgie mit seinen Genoffen findet, da berauscht er sie, giebt sie seinen Helfern preis, und wirft sie zuletzt seinen Sclaven zu. Sie hat beim Weggehen die Lampe brennen lassen, diese hat das Haus angezündet, und ihre Eltern verbrannten. Schande überschüttet sie; ihr ist ein kleiner Bruder geblieben, sie bettelt für ihn, Jedermann weifet sie fort. Da wird sie zur öffentlichen Buhlerin, und Rache am Königssohn, an Jericho schwört sie sich zu. Sie hat von Israels nahender Schaar gehört, sie sieht sie kommen, sie ermattet sie als Werkzeug der Rache. Voll Rachedurstes sieht sie vom Dache den Sturm auf Jericho, den Fall des Königssohnes. Aber was ihr allein geblieben, ihr Brüderchen, schleicht sich aus dem bergenden Hause, wird zum Tode verwundet heimgebracht, erkennt ihren Verrath, und verflucht sie, bevor er stirbt. Rahab verfällt in Blödsinn, vergißt Alles was vorgegangen, und lebt so lange in Israel. Man sieht demnach, daß hier aus der einfachen, aber gewaltigen Erzählung der Bibel ein ächter ftanzösischer Roman mit aller Sittenlosigkeit und Frechheit geworden ist, daß hier ebenfalls das antike Großartige in den Strudel individueller Sinnlichkeit und Leidenschaft hineingezogen ist, und wir haben um so mehr das Recht, dies hervorzuheben, als wir ganz Dasselbe in dem Böttger'schen Gedichte finden werden. Auch die Form zeigt uns dieselbe Entfernung von antiker Kräftigkeit, indem der Dichter fünffüßige Anapästen ohne Reim, aber mit weiblicher Endung, gewählt, was den Charakter oft abschwächt. So weit halten wir das Dichtwerk für verfehlt. Aber abseiten Dessen, können wir willig auf das Grab des entschlummetten Dichters einen vollen Lorbeerkranz niederlegen. Die Gestalt Rahab's ist eine wahrhaft Shakespear'- sche, die Leidenschaft so mächtig und beherrschend, daß der Hörer wie gefesselt vor ihr steht; die psychologische Entwickelung ist so gelungen, so ansteigend, so fein durchfühlt, daß wir das Werden dieses Charakters aufs naturgemäßeste und folgerichtigste erkennen und durchleben; die künstlerische Anlage ist höchst fein und rund; der Dichter versetzt uns sofort mitten in die Smrmscene, und läßt aus dem Gewühl in der Brust Rahab's die ganze Vergangenheit bis zu dieser Katastrophe erstehen; die Sprache — obgleich öfter nach neuen, besonderen Ausdrücken haschend — ist mächtig, und nur dann und wann im Schwung erlahmend. Ucber des Dichters Anschauungsweise, wie sie in dem allzu abstracten Einleitgedicht und in einer Nachrede sich ausspricht, haben wir nicht zu sprechen, sie ist die unsre nicht.' Schade, daß einzelne Scenen nicht gestatten, das Buch der Jugend in die Hand zu geben. (Fortsetzung folgt.) Berlin, Anfangs December. Verein zur Anterstützung (vormals: „Penfromrung") Jüdischer Lehrer in Preußen. Die Redaction der Allgemeinen Zeitung des Judenthums hat seit der Gründung ihres weithin verbreiteten Organs stets eine warme Theilnahme für das Wohl und Wehe der Lehrer an den Tag gelegt, und es wird ihr daher die Vorlage folgender Zeilen gewiß eben so willkommen sein, wie sie niederzuschreiben eine angenehme Pflicht waren, und freudig überrascht werden die Leser sein, wenn sie erfahren, daß während im ablaufenden Jahre die amtlich wirkenden jüdischen Lehrer Berlins eine gesichertere Stellung eingenommen haben, die unverschuldet ruhenden Lehrer Preußens Hoffnung, Trost und Linderung im Hinblicke auf die segensreiche Entwickelung des in der Ueberschrift genannten Vereins erreichen können. Ein Vorstands-Mitglied wird Ihnen, I Herr Redacteur, bald eine authentische Mittheilung über die Lage und das Wirken des Vereins in umfänglicher