Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1855)
- Date
- 1855-12-17
- Page
- Seite 647 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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647 wie ein spanisches Schloß in die Luft setzen. Aber das Zudenthum bedarf steter Verjüngung, um lebendig zu bleiben. Je frischer die Schöpfungskraft cS durchpulst, je mächtiger sie in ihm webt und wirkt, desto inniger schließt sich die Zeir ihm an. und nimmt auch die Vergangenheit in ihre Liebe auf. Um so natürlicher ist eS, wenn wir jetzt unsere Berichterstattung auf die Erzeugnisse der deutschen Literatur der letzten Jahre auf unserm Gebiete lenken, daß wir mit Originalien beginnen, daß wir der Dichtung die Hand bieten, die fie, so weit es an uns ist, einführen und unseren Lesern vorstellen soll. Lange Zeit war die Behandlung biblischer Stoffe in Dichtungen im Verruf. Die Gegenstände an sich waren zu sehr bekannt, und man harte zu wenig verstanden, ihnen neue Seiten abzugewinnen; auch war der Ton, den man wählte, zu süßlich fade, zu idyllenfarbig. Es ist nicht zu verkennen, daß man seine Bibel jetzt besser versteht. Man hat daS Gigantische, das antik Gewaltige in ihren Gestalten besser zu begreifen gelernt. Von diesem einzigen Standpunkte aus ist man schon diel befähigter, biblische Stoffe von Neuem dichterisch zu bearbeiten. Hier aber ist cs eine neue Klippe, auf die man stößt, und die das Gefährte des modernen Dichters so leicht scheitern läßt, nämlich daß man die moderne Zerrissenheit, daß man die moderne Unfittlichkeit, daß man die Eugen Sue'sche, überhaupt die neufranzösische sittliche Zügellosigkeit auf biblische Stoffe überträgt, um so gefährlicher, da die außerordentliche Entwickelung, welche die modernen Sprachen durch ihre voraufgegangenen Clasfiker erlangt haben, diese Kraft und Mannichfalrigkeit des Ausdruckes die Strömung ist, die wie von selbst auf diese Klippe zutreibt. Man wird sehen, wie zutreffend diese Bemerkungen sind. Wir haben hier unseren Lesern zunächst zwei Dichtungen auf biblischem Boden vorzulegen, die in vielen Punkten sich sehr gegenüberstehen, aber bei großen Vorzügen dem obigen Unheil anheimfallen. Zuerst: Rahab, ein Frauenbild aus der Bibel. Dichtung von Mar Waldau. Hamburg, 1855. (Der Dichter, der sich unter dem Einleitgedicht G. v. H. unterzeichnet, ist seitdem an der Cholera verstorben.) Dann: Der Fall von Babylon, ein Gedicht von Adolf Böttger. Leipzig, 1855. Waldau geht von der Ansicht aus, daß die Bibel den Verrath Ra Hab's ihrer Vaterstadt, Jericho's, an die Israeliten,- wie er Jos. C. 2. erzählt wird, ganz unmotivirt lasse. Diese Ansicht bildet das erste Glied in den Jrrthümern Waldau's. In den Worten der Rahab C. 2, 9 —13. ist Alles motivirt. Gerade daß die alten Völker Nationalgötter anerkannten, ließ es zu, daß eine Nation, ohne ihrem Gotte untreu zu werden, die Macht des Gottes einer andern Nation anerkannte, sobald diese siegreich war. Die Niederlagen der mächtigen Könige Sichon und Og, der Umstand, daß weder Edom, noch Moab vermocht hatten, den reißenden Sttom Israels von Eanaan abzuhallen, mußten allgemeinen Schrecken in die canaanitischen Völkerschaften werfen, wie schon 2 Mos. 15, 14 —16. schildert, und Rahab ausführlich besagt. Ein Weib, das ein öffentliches Haus hält und ohne Weiteres Fremdlinge aufnimmt, hatte um so mehr Gelegenheit, die umlaufenden Schreckensgerüchte zu vernehmen; die canaanitischen Völkerschaften sahen sich schon unterlegen; Jericho war der erste Platz, auf den der Sturm losbrechen sollte, die nahenden Kundschafter gaben ihr den überzeugenden Beweis — und das Weib, das ein öffentliches Haus hält, ergriffen von der Alles niederstürzenden GotteSidee Israels, beugt sich vor dieser und will sich damit retten aus dem Schiffbruch ihrer Nation. Sie sagt: „ich weiß, daß der Ewige daS Land euch gegeben" rc. „Denn wir haben gehört, wie ausgetrocknet der Ewige" rc., endlich: „denn der Ewige, euer Gott, ist Gott im Himmel oben und auf der Erde unten." Ihre Absicht ist: „und ihr laffet leben meinen Vater und meine Mutter und meinen Bruder" rc. „und rettet unser Leben vom Tode." Ist dies nicht klares Motiv genug? So sehen wir denn auch die Erfüllung alles Dessen C. 6. D. 17., V. 22 — 25. ausführlich e^ählt. Es ist um so klarer, als nicht Rahab allein, sondern ihre Eltern, Brüder, Schwestern u. s. w. gerettet wurden, also im Mitwissen deS VerratheS waren. Waldau aber sucht dem Derrarhe der Rahab eine genügende Motivirung zu geben. Er, der nach der Bibel griff, um sich vor dem erschlafften Jetzt;u retten. er. der in dieser Bibel — sieht ein mächtig Streben, ftoh Gelingen, Gewaltiges zu Bildern sich verbinden Und Menschen, Völker wachsen und verschwinden — Ganz weiß sich Jeder seinem Werk zu weihen, Voll tteffen Schicksalsgunst und Schicksalsschläge, Gemeinfinn kettet felsenfest die Reihen Und schroff umzirkr die Welt ein Gottgehäge — Welch' Bild: ein Volk, dem so in Eins verklungen Sein Gort, das Vaterland, der Weg zum Ziele, Daß selbst der letzte Mann, wie gottdurchdrungen, 51 *