Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1855)
- Date
- 1855-12-17
- Page
- Seite 646 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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646 nende lebendige Wesen, gleichsam das Ich des Judenthums, mehr noch aber die sehr entschiedene concrete und historisch gewordene Gestalt in denselben zu erkennen. Gerade auf diesem Standpunkte wird aber der Vorurtheilslose schnell erkennen, daß aus dem Mittelalter heraus bis zur neuern Zeit das Judenthum in eine geschichtliche Gestaltung gerathen ist, welche nach allen Richtungen hin als eine Entstellung, Verkümmerung, ja Entartung bezeichnet werden muß. Ein Judenthum, in welchem die geistige Bewegung bis zu einem Minimum erloschen, aus welchem alle Forschung und wissenschaftliche Erkenntniß sich entfernt hatte, in welchem der Lehrinhalt durch finstern Aberglauben, durch Kabbalismus, Astrologie, Geister- und Gespensterspuk und aftrrgläubische Vorstellungen von Gott, Welt und Mensch verdunkelt worden, in welchem aus der concreten Gestalt jeder Gedankeninhalt gewichen, diese daher zu bloßem Ceremonialwesen herabgesunken, nur als Form gekannt und vollsührt, darum bis in ein unendliches, wirres Gewebe verbreitet, und zum Geschmacklosesten gebracht war, in welchem selbst das Gebet zu einem gedanken- und herzlosen Wortkram, zu einem ungeheuren Wust vorgeschriebener Buchstaben entstellt war, welches zugleich von der Verachtung aller Welt erdrückt, nur die schmachvollste Stellung einnahm, und daher aller Einwirkung auf die Menschenwelr beraubt war — ein solches Judenthum kann eben auch nur als eine geschichtliche Phase, und zwar als eine trübe, beklagenswerthe angesehen werden — aber widerlich ist jede Bemühung, dieselbe fcstzuhalten, nachdem wir sie in ihrem Charakter erkannt haben. Was ist da zu sagen? War die Phase des Judenthums, wie die Propheten sie bekämpften, wo neben dem Altar des Einzig-Einigen die Altäre Moloch's und Baaks standen, auf jeder Höhe und unter jedem belaubten Baume gebuhlt ward, nicht auch eine düstere, beklagenswerthe? War der Zustand, in welchem Esra und Nechemjah Juda und Jerusalem trafen, nicht auch ein entarteter? In einer viertausendjährigen Geschichte kann es nicht anders als Zeiten der Verdüsterung und Entstellung geben. In der That, wir müßten glauben und voraussetzen, daß alle Juden aller Zeiten vom «Tjpr: rm erfüllt gewesen und seien, wenn wir voraussetzen und glauben wollten, daß das Judenthum zu aller Zeit in seiner reinsten Göttlichkeit verbleiben konnte. Ist Dem so, dann kann es nicht mehr zweifelhaft sein, was wir unter „Verklärung des Judenthums" verstehen. Keine Verflüchtigung und Verallgemeinerung des Judenthums in einigen wenigen allgemeinen Sätzen, keine sogenannte „Aufklärung", welche mit Judenthum, Materialismus, Acheismus und Religionslosigkeit spielt, keine bloße Auftutzerei, kein anderen Kirchen nachgepfuschteS Judenthum, kein jeder greifbaren Gestaltung beraubtes Judenthum! Sondern: ein in wissenschaftlicher Kritik, Forschung und Erkenntniß sich läuterndes, von allem Aber- und Afterglauben sich reinigendes, in seiner concreten Gestaltung von innen heraus durchstrahltes, von allem Geschmackwidrigen, Verlebten gereinigtes, in seiner Geschichte begriffenes, in seiner Weltfiellung erkanntes, in seinem Weltberuf thätiges, von seinen Bekennern mit flammender Liebe erfaßtes, seinen Gegnern selbst Achtung gebietendes Judenthum — das nennen wir dessen ^etllanmg! Und Gott sei Dank! trotz aller Wirren innerhalb des Judenthums, trotz aller Auswüchse und krankhaften Erscheinungen nach allen Seiten hin — natürliche Folgen der mächtigen Krisen — ist das Judenthum auf dem Wege zu dieser Verklärung; und wenn wir, nach unserer eigenen Anschauung, auch nicht erwarten können, es je vollendet in dieser Verklärung zu erblicken, so ist es doch genug, sie anzustreben und bedeutende Momente derselben zu erreichen!- Meraturbenchl. IX. Die moderne Literatur, insonders die jüdische, har zumeist die Natur einer Wiedcrkäuerin. Des frischen, productiven Talentes und Geistes ist gar wenig vorhanden; zumeist wird Altes aus dem Schutt der Trümmer oder der Bibliotheken hervorgeholt, und entweder gar in seiner Gestalt nur wiedergegeben, oder verarbeitet. Wir erkennen dieses Verdienst gern an; aber schlimm ist es, wenn und daß sich diese Arbeit allzusehr über neue, schöpferische Kraft hinaussetzt, auf diese achselzuckend blickt, und sich unter der Benennung „wissenschaftlich" aufbläht. Sie, die im Grunde nur die Dienerin früherer schöpferischer Kraft ist, läßt die der Gegenwart wenig gelten. Jndeß es ist dies ganz natürlich. Wir wollen beide mit einander ausgleichen. Das Judenthum insonders steht auf dem Felsen der Vergangenheit. Diese verachten, diese von sich stoßen, hieße es