Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1855)
- Date
- 1855-12-10
- Page
- Seite 637 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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637 erst vollendet und Alles unter einen Hut gebracht, dann ist der Hut leicht in eine Bischofsmütze zu verwandeln, dann thut eS Noth, für die große Eine Heerde Oberhirten zu bestellen. Danken wir Gott für die Segnungen der religiösen Freiheit dieses Landes, die allen Religionsparteicn in gleicher Weise zu Gute kommen. und legen wir uns nicht selbst ein Zoch auf die Schulter, worunter weder das alte, noch das reformatorische Judenthum mehr voll athmen könnte, und von Beiden nur noch ein Zerrbild sich erhalten würde. vr. David Einhorn, Rabbiner des Har - Sinai - Vereins, A. Nach man. Präsident. Baltimore, den 6. November 1855. (Folgen die Unterschriften aller Mitglieder dieser Gemeinde.)" Frankurt am Main, im November. B. Iochanan den SaKKai und das Synhedrion ja ßabnc. Bon Raphael Kirchheim. Die Geschichte der Juden von Graetz ist ein Erzeugniß der neuen jüdischen Literatur, das ungeachtet mancher Jrrthümer des Guren so überwiegend viel enthält, daß es nunmehr bei geschichtlichen Arbeiten als Handbuch benutzt und zu Grunde gelegt wird; um so mehr ist es daher die Pflicht der jüdischen Presse, aus daß sich keine Darstellung von Begebenheiten oder Charakteristiken von Personen forterben, die von einer wissenschaftlichen Kritik als falsch und irrig erkannt, oder die sie als falsch und irrig erkannt zu haben glaubte, ihre Spalten hierüber einer freien Untersuchung zu öffnen. Die Episode von „R. Jochanan ben Sakkai und dem Synhedrion zu Jabne", wie Graetz solche dargestellt hat, war in neuester Zeit einer beißenden Kritik ausgesetzt. Wenn es überhaupt kein Werk ohne Fehler giebt und man nur vom göttlichen Gesetzbuch die Unfehlbarkeit rühmt (Thoralli adonai temima), so kann man dagegen von Schriften über die jüdische Geschichte sagen „sobald man spricht, beginnt man schon zu irren"; denn ohne Chroniken und Staatsarchive und ohne wissenschaftliche Vorarbeiten mußten ihre Bearbeiter aus bändereichcn Folianten ihr Material Zusammentragen, jedes gefundene Sandkörnchen wie eine Perle bewahren, ein Gedanke, ein Wort von irgend einer Persönlichkeit mußte zur Charakteristik genügen; und vollends gar find die zufällig gegebenen historischen Notizen in den Tal müden und Midraschim so durch Mährchen und Sagen entstellt, daß der Historiker sie erst von der Hülle entkleiden muß, um die nackte Wahrheit zu finden. Wo man aber nicht Baustein an Baustein reihen und nur eine künstliche Mosaik nach der Phantasie des Künstlers zusammenfügen kann, da ist es nicht zu verwundern, wenn die Väter der jüdischen Geschichte, Basnage, Prideau und Jost die Phyfionomie der Personen und der Tharsachen nicht absolut objectiv dargestellt haben, und die Farbentöne bei Diesem ins Rothe, bei Jenem ins Schwarze schillerten. Graetz. der zu seiner Geschichte mit bienenemsigem Fleiße ein neues Material aus vielen bis jetzt unbenutzten Quellen zusammengcstellt hat, übertrifft auch seine Vorgänger in der objecriven Darstellung, und gerade deshalb ist er den giftigen Pfeile» der ertremen Richtungen, den Zionswächtern und den Himmelsstürmern ausgesetzt, weil beide die jüdische Vergangenheit nach ihren gegenwärtigen religiösen Ansichten so gern umgestalten möchten; jene wollen die Koryphäen des Judcnthums rein und makellos von allen menschlichen Schwächen dargestellt haben und die talmudische Hyperbel „unsre Vorfahren Engel — wir Menschen" zur Wahrheit machen; Rab's Hang zur Sinnlichkeit, R. Jehuda's Habsucht und dergleichen soll daher in ihrer Charakteristik nicht einmal im Hintergrund sichtbar sein r?s273 nnso nrnr nabnrr; diese —, die Himmelsstürmcr, fallen in den diametralen Gegensatz, dem Zwang der Umstände und den Zeitverhältnissen soll gar keine Rechnung getragen werden, die Affecte und Schwächen der Talmudisten, welche in ihrer Lcbensschilderung wie flüchtiges Gewölk an dem Himmel ihrer Geistesgröße vorüberziehen, sollen die Grundfarben ihres Bildes sein; in Resch-Lakisch wollen sie daher nur den reuigen Weglagerer, in R. Eleaser b. Simon nur den Diebshäscher sehen. Ein Recensent, der zum ersten Mal mit einer Kritik gegen die Geschichte der Juden von Graetz auftritt, will sogar die Charakterzüge von Personen, die vor tausend Jahren eine untergeordnete Rolle in einem Winkel Asiens gespielt, so daguerreotypirt haben, wie man nur die hervorragendsten Zeitgenossen darzustellen vermag; hat das Urbild durch irgend einen ostensiblen Charakterzug auch dem Historiker zur Aufnahme gleichsam gesessen, es ist ihm nicht genügend, eine Aufnahme, meint er, gebe noch kein objektives Bild, das Urbild könne momentan von irgend Etwas afficirt gewesen sein, das seine