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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-12-10 · Heft 50 (10.12.1855) · p. Seite 636

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 50 (10.12.1855)
Date
1855-12-10
Page
Seite 636 (sequence 4)
Language
German
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636 lassen. Unsere Voraussetzung ist also eingetroffen, und statt deS überkleisterten „Friedens" wird der Bruch desto stärker und offener. „Gegen »Erklärung. Nach einem Berichte des „Zsraelite" Nr. 16. l. I. hat die neulich zu Clevelaud stattgefundene Conferenz einiger Rabbinen und Privatpersonen auf den Vorschlag deS Rev. Dr. Wife zu Cincinnati als Platform angenommen : „Daß alle Israeliten den Talmud als den gesetzlichen und verpflichtenden Commentar der Bibel anerkennen." Wir Endesunterzeichnete halten unS im Interesse unserer heiligen Religion für verpflichtet, gegen diese Platform auS folgenden Gründen den entschiedensten Protest einzulegen. 2. Es ist eine unläugbare Thatsacke, daß ein sehr großer Theil von Israeliten, denen weder eine gründliche Kenntniß der religiösen Urkunden, noch eine begeisterte Anhänglichkeit an das Zudenthum abgesprochen werden kann, die talmudische Bibeleregese, welche sehr häufig mit dem Geiste und dem Wortlaute der Schrift contrastirt, keinesweges für legal und obligatorisch hält. Schon die größten Schriftgelchrten der Vorzeit, ein Ibn Esra, Maimonides, Samuel ben Meir, Lcvi ben Gerschom u. A., widersprechen nicht selten der talmudischen Bibel - Auslegung. Soll nun der ungeheueren Menge von Glaubensgenossen, die heutigen Tages solchen talmudischen Interpretationen auch praktische Folgen zugestehen, und z. B. den Bart durch ein Rafirmeffer abnehmen, der Name eines Juden etwa entzogen werden? Die Mitglieder der deutschen Rabbinerversammlungen, welche allgemein anerkannte Theologen in ihrer Mitte zählten, ttaten durch gar manche Vorschläge und Beschlüsse der ganzen talmudisch - halachischen Auffassung deS biblischen Wortes scharf entgegen. Haben nun diese Männer damit aufgehört, Israeliten zu sein? d. Mit jener Platform wird das Judenthum zur ewigen Stagnation verurtheilt, mit seinen unermeßlichen Schätzen für alle Zeiten in die Schranke einer besondern jüdischen Volksthümlichkeit gebannt, dem ganzen Entwickelungsgange seiner Geschichte, wie den unbestreitbaren Resultaten einer gesunden Dibelforschung Hohn gesprochen. Nicht heilen, sondern vielmehr verewigen würde die gesetzliche Anerkennung der talmudischen Autorität unsere krankhaften religiösen Zustände, die weit weniger im Kampfe verschiedener Parteien zu suchen find, als im entfittlichenden stampfe zwischen Lehre und Leben, zwischen den bestehenden gesetzlichen Normen und den nicht mehr abzuweisenden religiösen, wie socialen Bedürfnissen. Mit dem Talmud in der Hand lassen sich nimmermehr würdige und ausreichende Mittel ergreifen, diese klaffende Wunde am Herzen Israels zu schließen, und Reformen in Cultus und Leben höchstens nur noch einschmunggeln — durch Umgehung des Gesetzes und Anwendung juristischer Kniffe und Spitzfindigkeiten. Eine Probe von der Art und Weise, wie man nach jener Platform zu reformiren gedenkt, liefert der im „Jsraelite" Nr. 16. erwähnte Vorschlag, das biblische Gebot der Schwagerehe resp. der Chalizah dadurch außer Kraft zu setzen, daß die Ehe gleich von vorne herein, falls der Gatte ohne Hinterlassung von Kindern sterben sollte, als null und nichtig, als ein bloßes Concubinat erklärt wird. Ein solches Verfahren ist sicherlich weit eher geeignet, das Ansehen der Religion und ihrer Institutionen zu untergraben, als zu heben. Es zeigt klar und deutlich, mit welchen Gefahren der Versuch, das israelitische Leben in die Leichenarme längst verblichener talmudischer Anschauungen zurüHuzwängen, selbst unsere heiligsten Anstalten bedroht. Anstatt dem Talmud mit vielem Pomp Thür und Thor zu öffnen, und dann der Gewalt desselben durch ein Hinterpförtchen zu entrinnen, ziehen wir es vor, seine gesetzgeberische Autorität in Abrede zu stellen, und seine Auffassung der biblischen Gesetzlichkeit für eine überwundene Stufe der religiösen Erkcnntniß zu erklären, ohne darum weniger von Hochachtung erfüllt zu sein vor der reichen Fülle religiösen Bildungsstoffes und vortrefflicher Anstalten, die das Judenthum auch in dieser Phase seiner Entwicklung zu Tage förderte. Auch wir schätzen den Frieden in Israel als ein hohes Gut; allein derselbe dünkt uns um den Preis der Verkümmerung unseres höchsten Gutes, des Judenthums, viel zu theuer erkauft, und kann am wenigsten damit erzielt werden, daß einige Männer im Namen von ganz Israel Glaubensartikel verkünden, welche der abweichenden Ueberzeugunz keinen Raum mehr innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gestatten. Möge das fteie amerikanische Israel auf seiner Hut sein gegen solche hierarchische Bestrebungen, die es unter lieblich tönenden Friedensklängen jetzt durch Dogmen, und dann durch einen amerikanischen Minhag in Fesseln schlagen wollen. Nicht umsonst wurde ursprünglich der Plan gehegt, ein Consistorium zu errichten Ist daS große Friedenswerk

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