Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1855)
- Date
- 1855-12-10
- Page
- Seite 634 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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634 tiken und Bücher der Hausherren zu werfen; eben so wenig wollen wir geltend machen, daß, so wie es zahllose ganz anderbeschaffene Adlige giebt, auch die Classe der hier gezeichneten Juden nur eine geringzählige ist in der Gegenwart, daß es aber ein schlechtes Verdienst um das Leben und die Wahrheit ist, wenn man die Hellen und schwarzen Farben willkürlich auf gewiffe Theile bringt, während Licht und Schatten sich überall mischen. Sondern wir wollen hier nur aussprechen, daß der ganze Gesichtspunkt Freytag's ein bornirtcr, seine Anschauung eine falsche ist, und daß eher das gerade Gegentheil wahr ist. Wenn sich irgend ein Theil der Gesellschaft aller höhern Macht unfähig gezeigt hat, so ist eS der Bürgerstand mit seinem Liberalismus von 1847, so ist es das Proletariat mit seinen Aufständen von 1848. Im Gegcntheil, die einzigen Theile der Gesellschaft, welche der Gegenwart sich bemächtigr, welche sich energisch, geistvoll, bedeutend erwiesen haben, find der Adel und die Juden. Der Adel ist Herr der Situation, ist die herrschende Macht der Gegenwart. Während die deutschen Profefforen und Bürgermeister in Frankfurt und Berlin noch bcricthen, ob sie dem Adel das „von" ferner gestatten sollten oder nicht: harte der Adel das Heft schon wieder ergriffen, das sie aus den gesetzgeberischen Sälen wieder auf ihre Katheder und in ihre Rathhäuser von Krähwinkel jagen sollte. Die Inden sind die obersten Gewalthaber der Industrie. Nicht die Schwindelbörsc und nicht die Pjuschmäklerei — sondern die großen Banken, die großen industriellen und Creditgcsellschaften, die bedeutendsten FabriketabliffcmentS find zu großem Theile in ihren Händen, werden von ihnen gegründet und geleitet, ja zum Segen von ganz Europa, zum finanziellen Heile der größten Staaten. Nicht blos in Wien, Frankfurt, Paris, sondern selbst in London erlangen sie immer mehr Wichtigkeit, und zwar auf dem solidesten und reellsten Wege. Und wie? wo ist der europäische Staat, der jetzt dieser beiden Claffcn entbehren kann? wo ist der Bürgerstand, der sie ersetzen soll? Kann England selbst seines Adels entbehren? Nimmt nicht der Bürgerstand immer wieder seine Zuflucht zum Adel? Blicket doch hinein in das Haus der preußischen Abgeordneten! Hat nicht der Bürgerstand mit eigner Stimme sich den Abschied gegeben, und drei Viertel Adlige hineingewählt? Wie? hat es Rußland nicht zu büßen, daß cs St. Petersburg und Moskau denJuden verschlossen hat, und sucht jetzt darum vergebens selbst in Amerika nach einer Anleihe, während Oesterreichs Papiere fast auf al pari steigen, und Frankreich und England Milliarden zu Gebote stehen? Nein, mein lieber Freytag, Sie haben einen glücklichen Griff — für ihre Person gcthan, indem Sie dem Stolze des herabgekommenen deutschen Bürgerstandes Weihrauch streuten — aber einen höchst unglücklichen Griff für Wahrheit und Wirklichkeit! Sie werden cs schon erfahren. Es ist ein Trost, wenn man von seiner, eine Zeit lang erträumten Höhe herabgefallen, sich von dieser noch lange vorschwatzcn zu lassen, und — darum hat Ihr Roman so viel Glück bei dem deutschen Bürgerstande gemacht. Jeder Kaufmann, so faul es auch mit ihm ist, reibt sich die Hände und spricht: ich bin „T. O. Schröter", jeder Commis meint, er sei Fink, oder Anton, oder wenigstens Specht und Pir u. dgl., und sieht mit Verachtung auf den vorübergehenden Adligen und Juden hernieder. Thoren! gehet in die Häuser der Handwerker und sehet, wie es leider, mit diesem größten Theile des Bürgerstandcs steht; gehet in die Comptoirs der Kaufleute und beobachtet scharf und wahr: der eine Theil ist in den Strudel der Spcculation, der andre in den Abgrund des Proletariats hineingcrisscn... Aber leset nur Freytag's „Soll und Haben", und tröstet euch, wenn ihr könnet, mit der Nichtigkeit der Adligen und der Schlechtigkeit der Juden. Wenn ihr aber envachet, so werdet ihr einsehcn, daß Beides unwahr ist, und ihr und sie Andere, als sie euch der Romanschreiber zu eurem Ergötzen vorsührct! Die Konferenz in Cleveland. Unsere College» jenscit des Oceans können es uns nicht verübeln, wenn wir wiederholt auf die Conferenz in Cleveland zurückkommen. Und wenn wir ein Wort der Kritik hinzufügen, so können sie auch das uns nicht verargen, da sie dieses zum Theil selbst auftufen, indem sie, auf ihrer „Plat-Form" stehend, sich rühmen, daß sie mehr gethan, als die Rabbiner-Versammlungen von 1844 — 46 und die Confercnzen in Gießen. Es liegen in Nr. 17. und 18. des „Israelite“ weitere Berichte vor, allein auch diese sagen uns nichtweiter, als daß Comitees für die einzelnen Fragen auS den öfter genannten Herren gewählt worden find, und daß sie eine „Synode" auf den 24. December 1856 zusammenberufen wollen.