Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1855)
- Date
- 1855-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225982--14998-3300699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
,is. Jahrgaug. Allgemeine 5<K Zeitung -es Iu-cnthumS. Ein unparteiisches Organ firr alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner irr. Ludwig Philippfon in Magdeburg. Leipzig, den 10. December 1855. Diese Leitung erscheint wöchentlich einmal. Montag«. und wird jährlich 78 Bogen in Quart incl. de« Titel«. Register», u. s. «. umfasse». In Gemäßheit des Zwecke«, drrseldea die allgemeinste Berbreitung zu gebe», ist der Preis äußerst niedrig: mit r Tblr. für den Jahrgang,- — 1 Thlr. 15 Rgr. (1 Thlr. 12 gGr.) für sechs Monate — 22'/, Ngr. (18 gGr.) für das Vierteljahr angesetzt worden. Alle Buchhandluugen, Postämter und Zeitung» > Expeditione» nehme» Bestellungen an; der Hauptsxeditio» für beide Letztere hat sich die königl. sächs. Zeitung«. Expedition allhier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Einiges über Freytag's „Soll und Haben". — Die Conftrenz in Cleveland. — R. Jochanan den Sakkai und das Syahedrion zu Jabne. Don Raphael Kirchheim. Zeitungsnachrichten: Deutschland: aus Mecklenburg, Hamburg. Preußen: Paderborn, aus dem Confistorial- Sprengel Erefeld. Aachen. Die Schweiz: Obcr-Endingen. Frankreich: Paris. Großbritannien: London. Türkei: aus der Türkei. Leitende Artikel. Magdeburg, 3. December. Einiges über Freytag s „§oü und Haben". Vielen unsrer Leser wird bereits der eben genannte dreibändige Roman bekannt sein, Viele haben ihn rühmen gehört. Viele ihn selbst gelesen. Er hat ein in Deutschland seltenes Glück gehabt, vier Abdrücke in kurzer Zeit zu erleben. Wir gönnen ihm dieses Glück, denn eS ist kein gewöhnlicher Roman, es ist ein Stück Leben darin und er greift ins Leben. Aber sollte man darum auf das Verdienstliche, oder auf das Wahre in diesem Romane schließen wollen, dann müssen wir uns dagegen verwahren. Wir haben gerade in der Romanliteratur schon Vieles sogar einen europäischen Eclat machen sehen. und nach einem Jahre war eS vergessen und verschwunden. Erst die Dauer des Ruhmes entscheidet. Daß an diesem Freytag'schen Romane höchstens die ersten anderthalb Bände gut find, daß mit dem Ueberfiedeln auf das polnische Gut und Schloß die Schilderungen langweilig, die Charaktere verzeichnet und fade werden, machen wir nicht geltend. Wir haben es hier mir etwas gan; Anderem zu thun. Frey tag will in diesem seinem Tendenzromane zwei Classen der Gesellschaft als verkommen, verkümmert, verkrüppelt schildern: den Adel und die Juden, und als einzig lebensvollen Theil, der auf reellem und fittlichem Boden noch eine große Zukunft habe: den gewerblichen Bürgerstand. Er schildert und zeichnet daher den Adel als blafirt, hochmüthig, hohl, der unverdient die Schätze und Genüsse des Lebens beansprucht, ohne Arbeit reich sein und die Erfolge der Industrie ausbeuten will. Die Juden sind ihm der Abschaum unsittlichen Betruges, der scheußlichsten Lasterhaftigkeit, der Kriecherei, Zudringlichkeit und andrer solcher lieblichen Eigenschaften. Dahingegen ist ihm der christliche KauftnannSstand das Ideal, das sittliche Charakterideal, Chefs und Commis lauter Tugendspiegel des Fleißes, der Sparsamkeit und Ordnung, der Sittcneinfalt und Solidität, Arbeiter. Aufläder, Lastträger die reinsten, erhabensten, naivcsten Charaktere. Wir wollen nun. Dem gegenüber, gar nicht an die gemeine Wirklichkeit appelliren, und Niemanden ersuchen, einen prüfenden Blick in die Saufstuben der Arbeiter, in die Diebcshäuser der Aufläder, in die Lasterbuden der Commis und Burschen, und in die Prak-