Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-12-03 · Heft 49 (3.12.1855) · p. Seite 630

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 49 (3.12.1855)
Date
1855-12-03
Page
Seite 630 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225931-3225981--14992-3300692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

zu den merkwürdigsten Persönlichkeiten im Judenthume nicht blos seiner Zeit, sondern aller Zeiten. Der Charakter des siebzehnten Jahrhunderts, des Jahrhunderts einer schroffen Reaction nach einem allgemeinen raschen und mächtigen geistigen Ausschwungc macht eS uns allerdings erklärlich, daß Einzelne im Widerstreben gegen diese reaetionaire Zeitrichtung sich unmuthig aufgelehnt, in dem Kampfe untergingen — wie Uriel Acosta — oder zur völligen Abschließung sich genöthigt sahen, wie Spinoza. Unter den Juden besonders in Italien war offenbar der Zweifel an der talmudischen Tradition damals nicht selten anzutreffen; dies bezeugen nicht blos die Worte Immanuel Aboab's, eines Zeitgcnoffen Leon's, in der Vorrede zu seiner „Nomologia" *), sondern auch andere gleichzeitige Aeußerungen führen auf dieselbe Thatsache. Leon's College, Simon Luzzatto, fühlte sich veranlaßt, eine besondere Schrift zu Gunsten der Tradition zu verfassen; Samuel Aboab, der unmittelbare Nachfolger Leon's. kämpft gleichfalls gegen „diejenigen, welche in unserer Zeit zweifeln und Bedenken erregen gegen die mündliche Lehre und die Behauptung aufftellen, daß unser Verfahren im Civilrechte sich blos auf den Gebrauch stütze ohne alle gesetzliche Basis"**), und noch an andern Orten macht er Hinbeutungcn auf derartige verbreitere lare Ansichten. Allein innerhalb der berechtigten jüdischen Kreise wagten dieselben natürlich nicht hcrvorzurretcn, und wir können uns wohl in die Gemüthsbeschaffcnheit solcher Männer versetzen , die amtlich dem geltenden Systeme verpflichtet, schriftstellerisch demselben zu huldigen genöthigt waren und dennoch in einem entschiedenen innern Widerspruche zu demselben standen. Diese unheilvolle Oual nagte gewiß an mancher tüchtigen Kraft und zernagte sic endlich; dieses ewige Ringen, dieses Aufflackcrn des Unmuthes, diese Auftastung zu muthigem, offenem Widerstande, die alsbald wieder gedämpft und niedergekämpft wurden, stumpfen endlich nothwendig die Seele ab und lähmen alle Anlagen und Kräfte. Diese inneren Kämpfe deckt zuletzt das Grab, ohne daß eine Kunde davon weiterhin dringt. Doch giebt es Männer von reicheren Mitteln, größerer Geschmeidigkeit, die sich in die Verhältnisse zu fügen und doch mit Freiheit sich über ihnen zu erhalten wissen. Zu ihnen gehört z. B. der berühmte Joseph Salomo Delmedigo. Wie windet und dreht sich derselbe jedoch, um nicht der Acht der herrschenden Dumpfheit zu verfallen und den¬ *) S. „Leon da Modena rc." S. 23. **) Gutachten Debar Schemuel kl. 152. 5. 52 b. noch den Schleier etwas zu lüstenWie unklar und verworren wird er, wie wenig erfahren wir von ihm Förderndes, wie sehr müssen wir erst Alles errathen, als ein Räthsel uns lösen'. Dabei war Delmedigo ein unabhängiger Mann, lebte als Arzt in keiner rabbinischen Stellung, und dennoch wie sehen wir ihn von beständiger Unruhe verzehrt, umhergetrieben von einem Ende Europas zum andern, ohne bekannte andere Veranlassung als der innern Sehnsucht durch Ortsveränderungen zu entfliehen, wie sehen wir ihn in seinen Schriften abgerissen, ungeduldig umherspringend, in Widersprüchen sich bewegend! Ganz anders Leon da Modena Er bietet uns eine vollständige Doppelnatur. Seinem äußern Leben nach, den Schriften nach, zu denen er sich bekennt, ein vollständiger italienischer Rabbiner der damaligen Zeit, — seinem -Innern nach, wie er es in den geheimgehaltenen Schriften offenbart, der entschiedenste Gegner des Talmuds, und das mir einer Klarheit, die der beständige innere Kampf nicht ankränkelt, sondern nur nüchterner, bitterer macht. Das ist eine merkwürdige Erscheinung! Ich liebe diese Doppelnatur nicht, aber ich staune über diese Elasticität des Geistes, über diese Kraft, den innern Menschen von dem äußern ganz getrennt zu halten! Ucber seinen anritalmudischen Standpunkt selbst mag ich mich weiter hier nicht aussprechen. Man mag ihm Pietät, die Fähigkeit, sich in die talmudische Zeit zu versetzen, höhere historische Kritik absprechen; aber eine klare Verständigkeit herrscht in seiner ganzen Behandlungswcise, die man, wie Reggio schon bemerkte, als lediglich unserer Zeit angehörig betrachtete. Daß seine Schriften gegen den Talmud, also der von Reggio herausgegebene „Kol Sakhal" und die Anftagen in dem neu von mir edirten „Magen we-Zinnah" wirklich ihm angehören, wird ein aufmerksamer Leser nach äußeren und inneren Gründen nicht mehr bezweifeln. Die erste Schrift giebt er selbst als eine von ihm Vorgefundene, schon 1500 abgefaßte, die Anftagen im letzteren läßt er von Hamburg geschickt werden. Sowohl dieses Vorgehen als auch die leichtsinnige Verdächtigung, als habe Reggio die ersiere untergeschoben — während sie de Rosst schon 1802 beschrieb! —, sind von Reggio und mir hinlänglich beseitigt, und ich lege einen besondern Nachdruck für einen jeden Urteilsfähigen aus die volle Uebereinstimmung, die, nachdem man einmal den richtigen Maßstab zur Kenntniß Leon's hat, nun in allen seinen Schriften, in den eroterischen wie den esoterischen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.